Zeitung Heute : Wachstum rettet uns nicht

Tim Jackson
Foto: privat
Foto: privat

Jede Gesellschaft klammert sich an Mythen. Unserer ist der Mythos vom wirtschaftlichen Wachstum. Die Weltwirtschaft ist heute fünfmal so groß wie noch vor einem halben Jahrhundert. Geht das so weiter, müsste sie im Jahr 2100 achtzigmal so groß sein. Wie das aussehen soll, wenn bereits jetzt schon geschätzte 60 Prozent der Ökosysteme unseres Planeten gestört sind, weiß niemand.

Zu oft verschließen wir die Augen vor der harten Realität dieser Zahlen. Die allgemeine Grundannahme ist - die Finanzkrisen einmal beiseite gelassen -, dass sich Wachstum ewig fortsetzt. Nicht nur für die ärmsten Länder, in denen Lebensstandards dringend verbessert werden müssen, auch für uns in den reichsten Ländern, für die mehr materielle Fülle nur wenig Zufriedenheit schafft.

Die Gründe für diese kollektive Blindheit sind leicht auszumachen: Die moderne Wirtschaft ist strukturell auf Wirtschaftswachstum angewiesen. Wenn das Wachstum stockt, wie es in jüngster Zeit der Fall ist, kämpfen Unternehmen um ihr Überleben und Menschen verlieren ihre Arbeit. Eine grundlegende Änderung zu wollen und Wachstum in Frage zu stellen gilt als Akt von Wahnsinnigen und Träumern.

Stattdessen wird nach „Effizienzverbesserung“ verlangt, einer Entkopplung wirtschaftlicher Aktivität vom Materialdurchsatz. Da Effizienz eine Stärke des modernen Kapitalismus ist, wirkt dieser Ansatz auch ganz besonders attraktiv. Doch die Anforderungen sind enorm: In einer Welt mit neun Milliarden Menschen, die alle nach westlichen Einkommen und Lebensstandards streben, müsste der Kohlenstoffumsatz bezogen auf die Wirtschaftsleistung im Jahr 2050 mindestens 130-mal niedriger sein als heute. Dies wäre eine technologische Meisterleistung der Industriegesellschaft, sie ist aber weit entfernt von allem bisher Erreichten.

Außerdem wird materielles Wachstum in der modernen Wirtschaft durch zwei sich gegenseitig verstärkende Trends vorangetrieben. Auf der einen Seite leitet das Gewinnmotiv Firmen dazu an, ständig nach Innovationen zu suchen. Auf der anderen Seite führt das Streben nach sozialer Identität und Sinn auch bei den Konsumenten zu einem scheinbar unstillbaren Hunger nach Neuheiten. Das Ergebnis ist ein „eiserner Käfig des Konsumismus“, der unsere kümmerlichen Effizienzbestrebungen erbarmungslos unterminiert.

Letztendlich geht Wohlstand weit über materielle Interessen hinaus. Er beruht auf unserer Fähigkeit, als menschliche Wesen ein gutes Leben zu führen – und zwar innerhalb der ökologischen Grenzen einer endlichen Welt. Die vorrangige Herausforderung für unsere Gesellschaft besteht folglich darin, Bedingungen zu schaffen, die das möglich machen.

(übersetzt von Linda Geßner)

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!