Zeitung Heute : Wachstum um jeden Preis?

URSULA WEIDENFELD

Die Banken sind die Stahlindustrie der neunziger Jahre: Dieses Verdikt wird einem Vorstand der Deutschen Bank zugeschrieben.Es beschreibt den Druck, unter dem sich die Branche selbst sieht: verkrustete Strukturen, zu viele und zu teure Filialen, Überkapazitäten im Inland, die wachsende Konkurrenz von Versicherungen und Automobilkonzernen im Geschäft mit Finanzdienstleistungen.Das zwinge die deutschen Banken, schnell zu wachsen und sich in neue Märkte auszudehnen.Mit der Übernahme des amerikanischen Bankhauses Bankers Trust durch die Deutsche Bank ist nun der Startschuß zur nächsten Stufe der Internationalisierung gefallen.Die Deutsche Bank wird erst einmal zur größten Bank der Welt - doch die deutschen und europäischen Konkurrenten bleiben ihr auf diesem Weg auf den Fersen.Überdies könnte die Fusion zu einer schweren Hypothek werden.Denn Bankers Trust gilt in der Branche nicht als erste Adresse.Der Hauptvorzug der US-Bank ist, daß sie gerade zu haben ist.Es besteht Anlaß zur Frage, ob es ein Wachsen um jeden Preis ist, das die deutschen Banken - und die Industrieunternehmen - in Abenteuer mit ungewissem Ausgang treibt.

Die deutsche Wirtschaft ist gerade erst dabei, das Spiel zu begreifen.Im ersten Halbjahr 1998 wurden mehr Firmenzusammenschlüsse vereinbart als im ganzen Vorjahr.Wer glaubt, Deutschland befinde sich an der Spitze der Bewegung, übersieht die Gigantenhochzeiten, die fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit stattgefunden haben.Verglichen mit dem Zusammengehen der US-Bank Citicorp mit der Finanzgruppe Travelers ist die Fusion Daimler und Chrysler ein mittelständisches Vorhaben.In Relation zu den fusionierten Telekommunikationsriesen Bell Atlantic und GET bleibt die Deutsche Telekom ein Zwerg.Wer stärker wachsen kann als der Durchschnitt der Branche, wer mehr Rendite schafft als die anderen, gehört zu den Aktiven.Wer dagegen passiv bleiben will, dem droht die Übernahme.Unbarmherzig zwingt der Weltmarkt die Unternehmen, zu wachsen oder zu weichen.

Mehr als die Hälfte der Deutschen aber, so ergab eine Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft, beobachtet diesen Prozeß mit Beklemmung.Die Menschen fühlen sich den Mechanismen der Märkte ausgeliefert.Der Furor, mit dem Banken und Industrieunternehmen sich in den vergangenen Monaten neu zusammengewürfelt haben, bereitet ihnen nur eins: Angst.Sie glauben, daß ihnen die Globalisierung Wohlstand, Arbeitsplätze und die Chance stiehlt, am Wachstum der Wirtschaft teilzunehmen.Das schlimme daran ist, daß die Skeptiker auf den ersten Blick recht haben.Denn mindestens jede zweite Unternehmensfusion kostet Geld, anstatt welches zu bringen.Sie geht schief, weil Unternehmen zusammengeführt werden, die nicht zusammengehören.Finanzkonzerne schneiden besonders schlecht ab.Sie neigen dazu, die Bedeutung unterschiedlicher Firmenkulturen und Anlegermentalitäten gründlich zu unterschätzen.Sie riskieren, daß ihnen teure Mitarbeiter gleich rudelweise laufengehen.Das hat die Deutsche Bank schon bei der mißglückten Übernahme von Morgan Grenfell bitter erfahren müssen.Bei der Hypovereinsbank kam es schon ein paar Wochen nach dem Zusammengehen zum gewaltigen Hauskrach über angeblich verschwiegene Risiken.Bei den fusionierten Schweizer Banken breitete sich das Virus gigantischer Fehlspekulationen in einem Haus flugs auch auf das gemeinsame Institut aus.

Deutsche Manager und Aufsichtsräte nehmen es dankbar hin, wenn nach solchen Fehlschlägen der überwiegende Teil der Arbeitnehmer glaubt, es sei die Globalisierung gewesen, die Arbeitsplätze und Aktienwert gekostet habe.Doch es ist Zeit, mit dieser Ansicht aufzuräumen.Gelungene Unternehmenszusammenschlüsse können weltweit Wohlstand und Arbeitsplätze sichern und schaffen.Für fehlgeschlagene Unternehmungen dieser Art gehören die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen.Den Weltmarkt jedenfalls können auch die deutschen Vorstände nicht mehr lange in Generalhaftung nehmen - dafür gibt es inzwischen zu viele gelungene Beispiele von Unternehmensfusionen.An denen wird sich auch die Deutsche Bank messen lassen müssen.

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