Zeitung Heute : Wachstumschancen

HEIK AFHELDT

Ob Oskar Lafontaine sich nun von jenseits des Atlantik die Hände reibt und glaubt, die Entscheidung sei eine späte Folge seines vielbeachteten Antrittsbesuchs bei der Bundesbank vor vier Wochen, ist eigentlich nicht wichtig.Wichtig ist vielmehr zu verstehen, was dieser Schritt in der konjunkturellen Situation für die deutsche Wirtschaft bedeutet und welche Wirkungen er im Vorfeld der Einführung des EURO in kaum mehr als drei Wochen auf andere europäische Länder und für die voraussichtliche Stärke der neuen Europa-Währung haben wird.Erst dann kann man darüber rätseln, ob die Bundesbanker wirklich so "souverän" entschieden haben, wie ihr Präsident Hans Tietmeyer bei der Bekanntgabe der Beschlüsse so auffallend betont hat.

Die deutliche Reduktion des sogenannten "dritten Leitzinses" (auch Reprosatz genannt) auf den Stand vom Oktober 1997 hat für die Banken und damit für die Liquiditiät der gesamten Wirtschaft eine besondere Bedeutung.Der Satz bestimmt den "Preis", zu dem die Geldinstitute sich kurzfristig Geld besorgen.Wenn dieser Preis sinkt, spüren das auch die Verbraucher relativ schnell, weil die Zinsen für kurzfristige Kredite entsprechend sinken.Der deutschen Konjunktur, die trotz der überraschend guten Wachstumszahlen für das dritte Quartal zuletzt etwas ins Stottern gekommen schien, wird dieser Zinsschritt nützen.Der Impuls kommt sozusagen rechtzeitig.Die Bundesbanker wollten offensichtlich ihre Fehler von 1994 nicht wiederholen, als sie lange Zeit falsche Zinssignale gaben, die Mark gegenüber dem US-Dollar kräftig an Wert gewann und den labilen Aufschwung abwürgte.

So weit so gut! Aber wie wirkt die Frankfurter Aktion im übrigen Euroland und auf die gemeinsame Währung, deren Geburt unmittelbar bevorsteht? Hieß es nicht bis gestern - und völlig zu recht - jeder Zinsschritt in Deutschland müsse jetzt die gewünschte und angestrebte Konvergenz der Zinslandschaften, also die Anpassung der Zinsniveaus zwischen den einzelnen EURO-Ländern, im Auge haben? Schließlich entfällt für alle Mitglieder der Währungsunion ab Anfang 1999 die währungs- und geldpolitische Souveränität.Beruhigend ist nun zwar, daß die gestrige Zinssenkung keine einseitige deutsche Entscheidung war.Gleichzeitig - und abgestimmt - haben die Franzosen, die Portugiesen und auch die Spanier ihre Zinssätze gesenkt - und zwar im selben Ausmaß.Auch hier sind positive konjunkturelle Impulse zu erwarten - und eine freundliche Reaktion der Aktienbörsen.Alle elf Nationen, die bald zum Euroland gehören werden, haben sich jetzt für niedrigere Zinsen entschieden, auch Irland.Die irische Konjunktur lief bis vor kurzem so ungestüm, daß eine weitere Zinssenkung im Hinblick auf mögliche Inflationsgefahren nicht ratsam erschien.Die Iren geraten jetzt in einen gewissen Zugzwang: Sie müssen trotzdem an ihrer Geld-Zinsschraube drehen - nach unten.Ähnlich geht es Italien.

Bleibt die Sorge, ob die jüngste und von dem meisten Beobachtern als "überraschend" kommentierte Zinssenkungsrunde und das nun noch tiefere Zinsniveau ein früher Indikator dafür sind, daß eben doch die Stabilität der neuen Währung den europäischen Währungshütern weniger wert sein wird als bisher.Daß beschäftigungspolitische Ziele und nachhaltiger Druck von Seiten der Politik zu "Weichmachern" für den Euro werden könnten.Die Frankfurter "Überraschung" von gestern gibt diesen Sorgen keine ernsthafte Nahrung.Aber die Forderung nach einer unabhängigen, stabilitätsorientierten europäischen Währungspolitik kann gar nicht oft genug wiederholt werden.

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