Waffen : Die Macht der Geschichten

Im Netz verbreitet sich ein Video von amerikanischen Waffengegnern virusartig. Unser Kolumnist Helmut Schümann ist dennoch entsetzt über die Vernarrtheit der Amerikaner.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Was ein Viral Video ist, musste ich erst einmal nachschauen. Man kommt ja kaum nach mit den Neuerungen der neuen Zeit. Ein Viral Video ist ein Video, das zunächst nur in den sozialen Netzwerken auftaucht, in dem Fall bei Facebook, sich dort aber in virenmäßigem Tempo verbreitet. Es kann zur Seuche werden. Muss aber nicht. In diesen Tagen verbreitet sich ein Video aus New York wie ein Virus um die Welt. Es zeigt ein scheinbar normales Waffengeschäft, so wie es sie im waffennärrischen Land der Cowboys in Massen gibt. Kunden kommen herein, sie wollen eine Waffe kaufen, Pistole, Revolver, Gewehr, Pumpgun, irgendwas von dem Zeug, von dem die große Mehrheit der Amerikaner glaubt, es unbedingt besitzen zu müssen. Nein, nein, nicht alle, es gibt auch welche, die gegen die freizügige Waffenpraxis in den Staaten sind, ja, sie sogar für gefährlich und tödlich halten. Und solche Waffengegner stehen in diesem kleinen Laden in New York hinter dem Tresen und führen den interessierten Kunden das Sortiment vor. Das ist aber kein Widerspruch. Es ist nur so eine Art von intelligenter Demonstration.

Dabei wurden die Kunden mit versteckter Kamera gefilmt. Jäh aufgerissene Augen sind zu sehen, erschrockene Gesichter, Hände, die vor Münder gehalten werden, erstarrende Mimik – und schließlich die Abkehr.

Der Verkäufer tut sein Bestes. „Das ist eine unserer beliebtesten Waffen“, sagt er zum Beispiel, klein, handlich, gut zu bedienen. „Die hier hat ein Neunjähriger Junge im Schlafzimmer seiner Eltern gefunden und seine siebenjährige Schwester erschossen.“ Der Kunde zuckt zurück. Die Wirklichkeit schockiert offensichtlich mehr als die Theorie. Jede Waffe hat eine Geschichte, die wenigsten eine friedliche. Der Verkäufer erzählt die Geschichten der Waffen, die er anbietet, es sind reale Geschichten, die die Waffe in seiner Hand erlebt hat. Geschichten, die die Waffe geschrieben hat. Bei Unfällen, wenn Kinder damit herumhantieren, von Bandenkriegen und Amokläufen. Das Experiment scheint zu glücken, die Kunden verzichten. Eine Waffe, an der schon Blut klebt, ist abstoßender als eine Waffe, an der erst später mal Blut kleben wird. Passt zu dem Video die Meldung aus Utah, wo sie für die Vollstreckung der Todesstrafe wieder ein Erschießungskommando zulassen, weil sie Probleme mit dem Nachschub der Giftinjektionen haben. Im kleinen Laden werden sie demnächst wieder neue Geschichten erzählen können von Erschießungswaffen.

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