Zeitung Heute : Wahlen im Südwesten: Abgestraft auf eigenem Pflaster

Matthias Meisner

Die ersten Grünen sahen schwarz, als die Wahllokale noch nicht geschlossen hatten. "Früher waren wir Projektionsfläche für das Gute", meint der Tübinger Landtagsabgeordnete Winfried Hermann. Früher, zu den letzten Landtagswahlen vor fünf Jahren in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, da waren die Grünen im Bund noch in der Opposition. An den Krieg um den Kosovo war noch nicht zu denken, und die Basis vertraute der eigenen Führung, meistens jedenfalls. 1998, mit dem Einzug der Öko-Aktivisten in den Bundestag, hat sich die Stimmung grundlegend geändert. "Wir werden bestraft für unsere Kompromisse", sagt Hermann. Er spricht von "Megatrends, gegen die wir schlecht anstinken können".

Die Führungsleute der Partei hatten keinen Zweifel gelassen: Die Wahlen am Sonntag sollten den Grünen die Trendwende bringen. "Seit der Regierungsbeteiligung büßen wir bei Wahlen ein", klagt ein Mitglied des Bundesvorstandes. Damit das diesmal anders sein sollte, waren alle verfügbaren Kräfte aufgeboten worden. Zwei Wochen vor der Wahl wurde ein Bundesparteitag extra nach Stuttgart gelegt, um den Wahlkämpfern Rückenwind zu geben. Die Bundesprominenz beteiligte sich fleißig am Feldzug, die "Spätzle-Connection" funktionierte: Von der neugewählten Parteivorsitzenden Claudia Roth über ihren Ko-Chef Fritz Kuhn bis zum Fraktionsvorsitzenden Rezzo Schlauch tourten die Spitzenkader in jeder freien Minute von Kundgebung zu Infostand und von Infostand zu Kundgebung. Speziell Baden-Württemberg hat hohe strategische Bedeutung für die Partei. Hier waren die Grünen 1980 erstmals in das Parlament eines Flächenlandes eingezogen, mit 12,1 Prozent erzielten sie hier 1996 das beste Landtagswahlergebnis. "Unser bestes Pflaster", erläuterten die Spitzenleute - vor dem Wahlsonntag.

Denn bis vor wenigen Wochen glaubten alle Grünen, dass Deutsch-Südwest Erfolge toppen könnte. Dass die Euphorie schließlich nicht bis in die Schlussphase des Wahlkampfes vorhielt, wurde wesentlich einem Mann angelastet: Jürgen Trittin. Dass der Bundesumweltminister CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer mit einem Skinhead verglichen hatte, galt als Steilvorlage für die Union. "Ich hätte es so nicht gesagt", rügte Parteichefin Roth, während hinter vorgehaltener Hand derbere Worte gegen den "herumrüpelnden" Minister fielen. "Alle sind stinksauer", sagt einer aus dem Vorstand: "Das war einfach zu viel." Bundesgeschäftsführer Reinhard Bütikofer schrieb den Wahlkämpfern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, dass Trittin "sich und uns keinen Gefallen getan" habe.

Noch im Februar hatte Kuhn diagnostiziert, dass sich die Situation für die Grünen seit Weihnachten "wesentlich verbessert" habe. Hohe Sympathiewerte bekam vor allem die neue Agrarministerin Renate Künast - und das tat auch der Partei gut, weil grüne Themen wie der Verbraucherschutz und die Umwelt für das Wahlvolk wieder mehr Gewicht bekamen. Ein Stratege: "Das sind Themen, die wirklich zu uns gehören."

Der Nebeneffekt: Vielen Parteimitgliedern fiel nach der Berufung von Künast und der Wahl von Roth auf, dass "ganz offensichtlich immer mehr Leute für die Grünen in der ersten Reihe spielen können". Trittin dagegen geriet noch vor Auszählung der Stimmen in die Rolle des Buhmanns, dem höchstens helfen könnte, dass Kanzler Gerhard Schröder an einer weiteren Kabinettsumbildung kein Interesse hat. Drei Tage vor der Wahl musste Schlauch ausdrücklich hervorheben, was noch drei Wochen vor der Wahl selbstverständlich gewesen wäre: Er sei "überzeugt davon, dass Trittin bis 2002 im Amt bleibt".

Ein schwarzer Sonntag für die Grünen? Es gab Zeiten, da hatten in Baden-Württemberg schwarz-grüne Gedankenspiele Realitätsgehalt. Die Zahlen aus den Umfragen vor Augen, gaben die grünen Strategen diesem Modell immer weniger Chancen. Stattdessen war die Sorge größer, dass die eigene Truppe in Stuttgart wie Mainz hinter der FDP zurückbleibt. "Fürchterliche Kommentare von Herrn Westerwelle" malten sich die Führungsleute schon vor der Stimmauszählung aus.

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