Zeitung Heute : Wahlkampf für Kohls Nachfolger

ROBERT BIRNBAUM

BONN .Der Aufschwung ist da", verkündet eine Plakatwand vor der Bonner CDU-Zentrale."Wir werden diese Wahl gewinnen", verkündet ein paar Meter weiter im großen Saal des Konrad-Adenauer-Hauses der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl.Das ist die Botschaft, mit der Kohl die Bürger in die Ferien entläßt.Doch der demonstrative Optimismus, mit dem der Bundeskanzler in den zurückliegenden 16 Jahren noch jedesmal seinen Ruf als Wahlkampfmaschine untermauert hat, wirkt seltsam unzeitgemäß und aufgesetzt.Vielleicht liegt es daran, daß er selber spürt: Dies ist nicht mehr seine Wahl.Was er tut und was er läßt, ist gleichgültig geworden.Über den Ausgang und über die Folgen dieser Wahl entscheiden längst schon andere.

Das gilt zum einen mit Blick auf die eigene Partei.Der Faktor Kohl schlägt auf dem Stimmenkonto der Koalition fest als Negativ-Konstante zu Buche."Kohl muß weg" ist ein Satz, der auch CDU-Anhängern inzwischen mit großer Selbstverständlichkeit von den Lippen geht.Damit allerdings hat es auch schon sein Bewenden - so wenig der Kanzler bisher den negativen Trend der Union nach oben zu korrigieren vermag, so wenig konnte er ihn verschlechtern.Das haben dafür andere mit Hingabe erledigt.Es sind ja keineswegs nur die Protzners und die Geißlers, die beim breiten Publikum den Eindruck nähren, die CDU/CSU glaube selbst nicht mehr an ihren Sieg.Es sind genausogut Leute wie Wolfgang Schäuble, der über das Auseinanderbrechen der CDU/CSU nach der Wahl räsoniert, oder Volker Rühe, der über den Wahlkampf seiner Partei herzieht, oder auch jene CDU-Großkopfeten, die einfach beredt schweigen.Da werden Positionen für die Nach-Kohl-Ära bezogen.Der Kaiser ist noch nicht tot.Aber die Diadochen kämpfen schon.

Nicht viel besser sieht es bei den kleineren Koalitionspartnern aus: Auch CSU und FDP haben den Vorwahlkampf bisher vor allem mit Spekulationen darüber bestritten, was passiert, wenn Kohl verliert.Da sind jene Christsozialen, die derart um ihren Einfluß im Bund fürchten, daß sie über die Tolerierung der amtlich verabscheuten Roten nachdenken.Da sind Liberale wie Guido Westerwelle, die die Nach-Kohl-Ära schon förmlich ausrufen in der Hoffnung, so den Negativfaktor Kohl aus der Wahlgleichung entfernen zu können.Was hat es die Opposition nötig, von Kanzlerdämmerung zu sprechen? Das besorgen schon Kohls Leute.Daß der Wahlausgang mit Kohl nur noch am Rande zu tun hat, ist freilich auch für SPD und Grüne nicht ausschließlich ein Anlaß zur Freude.

Die SPD und ihr Kanzlerkandidat Gerhard Schröder haben bislang vor allem davon profitiert, daß sie für einen Politikwechsel stehen.Diese Stimmung bleibt, glaubt man den Umfragen, durchaus erhalten.Doch sie verstärkt sich nicht - die Negativkonstante Kohl bleibt zwar negativ, aber eben konstant.Daraus ergibt sich für die Opposition eine Gefahr, gegen die sie noch kein rechtes Konzept gefunden hat und auf die Union und FDP ihre Hoffnungen bauen: Nur wenn es gelingen würde, Rot-Grün dem Wähler als positives Projekt zu vermitteln, könnte das Oppositionslager aktiv Punkte gewinnen.Andernfalls besteht die Gefahr, daß wechselwillige Wähler zurückschrecken, sobald sie vor Augen geführt bekommen, was der Wechsel bedeuten könnte.Hier liegt Schröders Schwachpunkt.Der SPD-Kandidat selbst ist kaum zu attackieren, weil er von Kohl gelernt hat, daß man sich nicht auf verfängliche Inhalte festlegen lassen darf.Die Grünen aber stehen von Natur aus für eben diese verfänglichen Inhalte.Daß die Öko-Partei für drastisch teureres Benzin ebenso eintritt wie für Tempo 100 auf Autobahnen, ist keine Neuigkeit.Dennoch reicht es, daß einer ihrer Protagonisten daran erinnert, um einen Aufschrei zu verursachen und die Partei in Existenznot zu bringen.

Das Bild vor der Sommerpause sieht mithin so aus: Die Koalition kann die Wahl nicht gewinnen - es fehlt ihr am Zusammenhalt; es fehlt ihr aber auch an positiven Botschaften.Sinkende Arbeitslosenzahlen allein reichen nicht - Bill Clinton und Tony Blair haben gezeigt, daß eine Opposition in den Aufschwung hinein siegen kann.Rot-Grün aber kann die Wahl sehr wohl verlieren.Nur einem nützt das nach dem Stand der Dinge alles nichts: Helmut Kohl.Denn das wahrscheinlichste Ergebnis lautet in diesem Fall: Große Koalition.Es ist eben nicht mehr seine Wahl.

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