Zeitung Heute : Wahlkampf-Mixturen

TISSY BRUNS

BONN .Assez, Jean, genug jetzt, sagte der alte Buddenbrook zu seinem Sohn, ordnete seine Angelegenheiten und trat ab.Wir wissen aus zahlreichen Biographien, daß der Abschied von der Macht viel schwerer fällt als der von Handelsgeschäften.Und Helmut Kohl - eben ein guter Demokrat - will ja ohnehin über seinen Abschied nicht selbst zu bestimmen.Diese Entscheidung hat er dem Souverän überlassen, der am 27.September wählt.Warum wußte man gestern schon vor dem Auftritt seines Herausforderers, daß die Runde im Bundestag an Gerhard Schröder, nicht an den Amtsinhaber geht? Weil bei soviel Vergangenheit in der Kanzler-Rede die des Kandidaten nicht besonders viel Gegenwart aufbieten mußte, um zu suggerieren: Die Zukunft gehört mir.Als ordne er seine Angelegenheiten, hat Kohl eine eindrucksvolle Bilanz vorgetragen; fast kommt man in Versuchung, dem Kanzler ein herzliches "Alle Achtung" zuzurufen oder gar ein neues "Chapeau, Kanzler".Aber es ist Wahlkampf, nicht Geschichtsstunde und da sind solche Gesten albern oder allenfalls dem Herausforderer erlaubt.Der machte sie denn auch.Das Fundament von Schröders Rede war seine goldene Formel "Danke, Kanzler, aber jetzt reicht es".Daß der Wahlkampf auf Hochtouren läuft, merkt man daran, daß Schröder neuerdings hinzufügt, die eigenen Leute des Kanzlers dächten ja nicht anders.Nur das Danke, das ließen sie weg.



Die Begegnung von Kohl und Schröder im Parlament war die Fortsetzung des Wahlkampfes auf einer, statt auf getrennten Tribünen.Stoff und Besetzung unverändert, das Publikum hingegen, anders als im sonstigen Wahlkampf, sauber in Lager aufgeteilt.Doch nicht einmal in diesen Kulissen gelingt es dem Kanzler, beispielhaft den Lagerwahlkampf zu führen, den er gewinnen will.Die Kanzler-Rede sagte bloß: Hier steht ein Kanzler mit Verdiensten.Nicht schlecht, wie der in vielen Schlachten bewährte Kämpfer die alten Sünden der sozialdemokratischen Enkel aufs Korn nehmen kann.Um so mehr fällt auf, daß der Kanzler für seinen aktuellen Lagerwahlkampf fast gar keinen Stoff, keinen Witz, keine kämpferische Attacke aufbieten kann.Es drückt die Gegenwart aus, die, siehe Arbeitslosenzahlen, von Kohls Regierung nicht bewältigt wird.

Und weil das so ist, kann der sozialdemokratische Kanzlerkandidat der Union immer wieder dieselbe Nase drehen: Gerhard Schröder ist nicht zu fassen.Auch nicht im Bundestag, der nicht sein bevorzugtes Parkett ist.Der Kanzlerkandidat der SPD mixt die Zutaten für sein Zukunftsversprechen je nach Publikum immer etwas anders: mal mehr Innovation, mal mehr Gerechtigkeit.Doch bleibt es ein Zukunftsversprechen und stets so gemischt, daß ihm nie der Strick des typischen sozialdemokratischen Besitzstandswahrers daraus zu drehen ist.Schon gar nicht von der Union.Schon gar nicht von Helmut Kohl.Denn der Kanzler hat in den letzten vier Jahren wie kaum ein anderer Mensch die Schwankungen und die Ambivalenz personifiziert, die Schröders Wahlkampf wabernd durchziehen.Kohl kennt die Notwendigkeit der Modernisierung; häufig und gern hat gerade er über "die neuen Herausforderungen" geredet.Kohl kennt die Angst der Deutschen davor, die seine höchsteigene Angst vor dem Wähler ist.Spät, vorsichtig, zögernd hat er andere die Reformen einleiten lassen, deren Verweigerung er der SPD in diesem Wahlkampf vorhalten will.Wer zu spät kommt, beginnt ein berühmtes Wort aus den 80er Jahren.Der Kanzler kennt nicht nur den Mann, der es geprägt hat.Er weiß aus dessen Lebenslauf auch, wie wahr es ist.Wer weiß, daß er zu spät kommt, könnte man am Beispiel Helmut Kohl variieren, der weiß vielleicht, daß er nicht einmal mehr sagen kann: Assez, Wolfgang, genug jetzt.Und deshalb das letzte Wort dem Wähler gibt.

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