Zeitung Heute : Waigel aggressiv, Kohl souverän, Lafontaine ruhig

KLAUS J.SCHWEHN

BONN .Am konsequentesten macht Theo Waigel aus der Not eine Tugend: Er versucht, die CDU auf die Meinung der CSU festzulegen - er spricht also mit Nachdruck von der eindeutigen Absage an eine Große Koalition.Damit versucht der CSU-Vorsitzende zugleich, den vorzeitigen Schulterschluß zwischen Oskar Lafontaine und Jürgen Trittin herbeizureden.So nach dem Motto: Die sollen das Wahlergebnis jetzt auch ausbaden.Dabei begann die Bonner Runde der Parteivorsitzenden am Sonntag abend recht "gemessen staatsmännisch" und gewinnt erst spät an Schärfe.Genau in dem Augenblick, in dem der CSU-Chef das, was nach diesem Wahlergebnis auf Deutschland zukommt, in den düsteren Farben einer sich abzeichnenden "anderen Politik" ausmalt.

Er sagt, Rot-Grün solle und müsse jetzt ran; und er denkt die PDS gleich laut mit.Aber keinem, auch nicht den beiden Moderatoren der "Elefantenrunde", gelingt es, Rot und Grün zu Rechenbeispielen zu animieren, beispielsweise nach dem Motto: "Wieviel Stimmen Vorsprung braucht ihr, um die Hochzeit zu wagen?" Lafontaine kann es sowieso, unliebsamen Fragen auszuweichen.Trittin hat es auch gelernt: Beide verweisen auf die anstehenden Entscheidungen der Parteigremien - und die tagen erst am Montag.Oskar sagt es etwas flapsig: "Wir handeln mit ruhiger Hand und schießen nicht aus der Hüfte." Aber dann wird der Sprecher der Grünen deutlicher.Zwei Wahlziele seien erreicht: "Die Ablösung von Dr.Helmut Kohl herbeizuführen" und Mehrheiten nicht nur für einen Kanzlerwechsel - "sondern für einen Politikwechsel" zu schaffen.Die Bürger hätten für einen Wechsel gestimmt - "und dieser Auftrag muß angenommen werden".Oskar hört es - und schweigt.

"Der Helmut Kohl ist angetreten, um die Wahlen zu gewinnen, und er hat sie verloren".Lapidar sagt es der amtierende Kanzler; aber zugleich betont er: "Der Helmut Kohl ändert sich auch heute abend nicht", er will auch nicht Politrentner werden, oder Hinterbänkler.Gelassen wirkt er, mitreden wird er weiter, aber doch auch "mein Leben leben".Er wünscht Schröder eine "glückliche Hand".Er zeigt Souveränität in der Niederlage, die er nicht zu beschönigen trachtet.Schließlich ist es zwar seine schwerste - aber beileibe nicht die erste Schlappe.

Das geht FDP-Chef Wolfgang Gerhardt genauso.Niederlagen kennt er auch aus seiner hessischen Heimat.Aber die Verbissenheit, in der er im Verlauf der Diskussionsrunde SPD-Nähe zur PDS nachzuspüren trachtet, läßt vermuten, daß der Stachel, jetzt Bonner Opposition zu sein, tiefer sitzt, als er zu zeigen trachtet.Das alles betrachtet der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky mit Gelassenheit.Er weiß nicht, ob die fünf Prozent der Hochrechnungen bis zum Schluß Bestand haben, aber er sieht eine gestärkte - "sozialistische Kraft in Deutschland".

Lafontaine registriert eine "neue politische Epoche".Immer wieder zieht ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht.Das ist seine Art, Pokerface aufzusetzen.Vor weiteren Entscheidungen werde "erstmal gefeiert".Es verfestigt sich zum Abschluß der Bonner Runde der Eindruck, daß Lafontaine jedwede Festlegungen auf künftige Konstellationen auch deshalb so meidet, weil er einen Stachel spürt - der in der Union sitzt.Wie hatte doch Waigel zum Start in die Debatte fast beschwörend gesagt: "Ich bin für die Fortsetzung der Fraktionsgemeinschaft." Ob Kreuth grüßen lassen könnte?

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