Zeitung Heute : Wandel in Geduld

WALTHER STÜTZLE

Die Moskau-Reise des Bundespräsidenten ist beendet.Roman Herzog hat überzeugend dafür plädiert, daß Deutschland und Rußland das 21.Jahrhundert in Partnerschaft bestreiten.VON WALTHER STÜTZLEDie Moskau-Reise des Bundespräsidenten ist beendet, der Bundespräsident kommt heute wieder nach Hause ­ da stellt sich die Frage nach der Bilanz.Wonach aber ist der Ertrag zu bemessen? Nur selten übersetzen sich offizielle Besuche des Staatsoberhauptes in meßbare Erlöse.Klingende Münze aus einer Reise zu schlagen ist nicht die Aufgabe des Bundespräsidenten, auch wenn sich längst und zu recht eingebürgert hat, mit der ersten Person des Staates auch auf erstrangige Produkte des von ihm vertretenen Landes aufmerksam zu machen.Dieser Logik, der Herzog erst jüngst bei seinem Amerikabesuch mit einem Auftritt im Amerika-Hause von Daimler in Washington gehuldigt hatte, entsprach es, daß er sich in Moskau zu einer Europa-Diskussion ins Haus der Deutschen Wirtschaft begab.Deutschland ist Rußlands wichtigster Handelspartner.Kein anderes Land unterstützt das russische Reformexperiment mit so viel Geld wie die Bundesrepublik.Aber nur Ungeduldige werden eine schnelle Dividende erwarten.Tatsächlich stehen wir am Anfang einer Entwicklung, die noch vor kurzem niemand für möglich gehalten hat und deren Möglichkeiten nicht im Nebel von Zukunfts-Ungeduld verwischt werden dürfen. Roman Herzog, das weisen seine Moskauer Reden aus, ist ein überzeugter und überzeugender Anwalt für die Politik des Wandels durch Geduld.Seine Worte mögen für manch Moskauer Zuhörer nicht neu gewesen sein, aber sie von ihm persönlich zu hören, Herzogs Dank für die Wiedervereinigung, die Identität von Person und Meinung zu erleben ­ das ist der Stoff, aus dem wirkende und wurzelnde Politik gemacht wird.Im Jahr drei nach dem Abzug des letzten Soldaten der einstmaligen Sowjetunion aus Deutschland wiegt dieser Ertrag gewichtiger als manches Warengeschäft.Der Wunsch, im Fernsehen zu sprechen, entstammte keineswegs nur Herzogs geübtem Umgang mit diesem Medium.Von einer überparteilichen Instanz zu hören, daß Deutschland und Rußland ihre Beziehungen auf mehr gründen denn auf die enorm wichtige Freundschaft zwischen russischem Präsident und bundesdeutschem Kanzler, daß es der Wunsch aller Deutschen ist, mit Rußland ein dauerhaft friedliches Verhältnis aufzubauen, und daß Bonn dabei keineswegs nur die Regierenden in Moskau, sondern alle im Blick hat, die sich für das neue Rußland abrackern ­ aus vielen Gesprächen wußte Herzog um diesen dringlichen Wunsch in Rußland.Ihm war geläufig, daß viele Reformer auf ein deutliches Zeichen des Bundespräsidenten warteten.Kommen Sie bald und sagen Sie es öffentlich ­ so war er seit langem bedrängt worden.Seine Zusage, das ihm Mögliche zu tun, hat er eingelöst ­ überzeugt und überzeugend. Roman Herzog hat mit seinem Aufrauf zur Sicherheitspartnerschaft an einem Faden weitergesponnen, den Richard von Weizsäcker vor zehn Jahren in Moskau aufgenommen hat.Damals eröffnete Michail Gorbatschow ­ vor den völlig überraschten Ohren auch der internationalen Beobachter ­ seinem Gast, die Geschichte werde über die deutsche Frage richten ­ und kassierte so das Dogma, die Frage sei bereits endgültig beantwortet.Mit dem Appell, die Ost-West-Beziehungen dürften nicht "allein vom Sicherheitsdenken beherrscht bleiben", hat Weizsäcker seinerzeit geantwortet.Heute nun findet das neue Europa Rußland und das Land der Europäischen Union namens Deutschland tatsächlich in der Rolle von Partnern.Die deutsche Frage ist von der europäischen abgelöst und Roman Herzog hat überzeugend dafür plädiert, daß Deutschland und Rußland das 21.Jahrhundert in Partnerschaft bestreiten.Eine vernünftige Alternative dazu gibt es nicht.Das 20.Jahrhundert war grausam genug, um aus Erfahrung vor jedem Rückfall gefeit zu sein.

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