Zeitung Heute : Wanderer zwischen Welten

Nora Sobich

Wenn sie Pech haben, verbringen sie die meiste Zeit eingeklemmt hinter Küchen- oder Wohnzimmertüren. Klappstühle, die Wunderwaffe kleiner Wohnungen, werden meist nur dann herausgeholt, wenn Not am Mann ist, und es überraschend an Sitzgelegenheiten mangelt. Was sich wie ein unrespektables Schattendasein anhört, ist nicht selten beabsichtigt. "Plia", der "Billy" unter den Klappstühlen, den Giancarlo Piretti 1967 für die italienische Firma "Castelli" enwarf und von dem sich bis heute über viereinhalb Millionen Exemplare verkauften, war von seinem Designer ausdrücklich als Reserve- und nicht als Alltagsstuhl gedacht.

Obwohl der Klappstuhl eher wie ein tüfteliges Behelfsmöbel daherkommt, gilt jedoch das alte Vorurteil nicht mehr, hier gehe die Praktikabilität zu Lasten der Schön- und Bequemlichkeit, hier sei die Stabilität nur ein zweitrangiges Kriterium. Es gibt zahlreiche Varianten, denen man kaum ansieht, dass sie zuammenklappbar sind und bei denen man auch nicht sofort an Küche, Esszimmer oder Terrasse denken muss. Etwa das elegante und auch komfortable Modell "Santachair", das der Designer Denis Santachiara jüngst für die Schweizer Firma "Vitra" ( www.vitra.com ) entworfen hat. Bei diesem Armlehnenstuhl aus Chrom kommt gar nicht erst ein Gefühl von Provisorium auf.

Die Idee für "Santachair" geht auf den "Performance-Gedanken" des italienischen Designers zurück, der seit Jahren an einer Interaktion von Möbeln und ihren Benutzern arbeitet. So funktioniert und passiert der Klappmechanismus von "Santachair" über die Zahnräder zwischen den hinteren Beinen und der Rückenlehne so überraschend, dass er für seine Benutzer zu einer Art Performance-Erlebnis wird.

Das Raffinierte am Klappstuhl war wohl schon immer, dass er wie ein normaler Stuhl aussieht, aber mehr kann als dieser. Ein Klassiker ist der mobile Klappstuhl seit jeher etwa im Outdoorbereich - im Garten oder bei Sportarten wie Golfen, Jagen oder Fischen, wo man für jede Sitzhilfe dankbar ist und wo das Gestühl so schnell zusammenklappbar sein muss, wie man es zuvor aufgestellt hat.

Ergänzende Dauerlösung

"Outdoor" heißt die zarte Variante eines Klappstuhls, die in diesem Jahr das junge bretonische Designduo Erwan und Ronan Bouroullec für die Firma "lignet roset" entworfen hat. Der Stuhl ist sowohl als Zusatzsessel, als auch als Dauerlösung zur Ergänzung von anderen Sitzmöbeln gedacht. Er sieht mit seiner relativ tiefen Sitzschale und der eleganten Fußstellung des matt verchromten Stahlgestells wie ein futuristischer Sesselstuhl aus den 60er Jahren aus.

Die Firma "lignet roset" hat noch andere formschöne Klappstuhl-Varianten im Sortiment. "Selier" nennt sich das Modell, das bereits im vergangenen Jahr auf den Markt kam. Es wirkt mit seiner filigranen Metallstruktur und den mit Spaltleder bezogenen Sitz- und Rückenlehnen wie ein typischer Gartenstuhl der Jahrhundertwende. Das Modell "Vivre", das Pascal Mourgue 1997 für die Firma entwarf, verspricht mit seiner abgerundeten Sitzfläche aus Holz auch eher Balkon- oder Küchenatmosphäre als behäbige Wohnzimmergemütlichkeit.

Es gibt den Klappstuhl tatsächlich in allen Varianten, als Hocker, Stuhl, mit Armlehne, als Sessel oder Regiestuhl wie das Modell "April" (1964) der italienischen Designerin Gae Aulenti. Nichts, was sich nicht wegklappen ließe. "Manufactum" (www.manufactum.de) bietet neuerdings eine Variation von Gerrit Rietvelds hinterbeinlosem "Zig-Zag"-Stuhl von 1934 an. Ein Schweizer Designer hat aus dem "starren Z-Modell" einen Klappstuhl aus Buchenholz konstruiert, "bei der die Fläche in Stäbe aufgelöst ist, und so ein Inneinandergreifen und damit das Zusammenklappen erlaubt, um den Stuhl platzsparend zu verstauen."

Zu den hohen Klasssikern des Stuhldesigns gehören natürlich auch Klappstühle. Etwa "Tric", den Achille Castiglioni 1965 als Redesign entwarf und der bereits in den Zwanzigern von Thonet hergestellt wurde. In der Rückenlehne des Holzstuhls ist eine Aussparung als Tragegriff eingelassen, so dass er sich wie eine Küchenschürze an den Nagel hängen lässt. Oder "Sóley" (1983), ein äußerst eleganter Armlehnenstuhl aus Rundstahl und Sperrholz von dem Isländer Valdimar Hardarson. Um "Sóley" verschwinden zu lassen, muss man erst die Armlehnen wegdrehen und dann die Sitzfläche einklappen. Und nicht zuletzt der Bauhaus-Klappsessel D4, den Marcel Breuer 1926 entwarf und für alle schönen Orte des leichten Lebens empfahl: für "Boote, Spielfelder, Terrasse, Sommerhäuser, Gärten und Gartencafés".

Eine Neuheit in Sachen Klappstuhl wird wahrscheinlich demnächst von dem englischen Designer Ron Arrad auf den Markt kommen. "Thin Chair", ein Klappstuhl, der sich auf acht Millimeter zusammenklappen und sich selbst bei hoher Stückzahl platzsparend unterbringen lässt. Auf der letzten Mailänder Möbelmesse hat der Designer ein weiteres Klappmöbel vorgestellt und zwar ein Möbelset bestehend aus Tisch und Stuhl, das er für die italienische Firma Cassina ( www.cassina.it ) entwickelt hat. Bislang existiert es allerdings nur als Prototyp.

"Tavolo mangia sedie" besteht aus einem Tisch und einem bunten Set von Stühlen, die sich auf Aktenkoffergröße zusammenklappen und unter die Tischplatte wie eine Art Schublade schieben lassen. Eine gewisse Freude am flexiblen und verspielten Puppenstuben-Wohnen gehört zum Klappstuhl eben dazu - es sei denn, man benutzt ihn wie einen normalen Stuhl und klappt ihn nur dann zusammen, wenn tatsächlich mal die Möbelpacker vorbeikommen.

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