Wandern : Nackt im Wind

Ein Schotte wandert durch England. Dazu trägt er einen Rucksack und Wanderschuhe. Sonst nichts. Unser Kolumnist Helmut Schümann, selber Wanderer, empfiehlt dem Kollegen, sich anzuziehen.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Stephan Peter Gough sagt, er sei ein Wanderer. Ich bin in diesem Punkt völlig auf seiner Seite. München– Venedig, Berlin–Düsseldorf oder gleich ganz rum um Deutschland, pah, bin ich alles schon gelaufen. Aber anders als Stephan Peter Gough. Mr. Gough ist Schotte, und wahrscheinlich behauptet er nur, Wanderer zu sein. Eigentlich ist er nämlich Sitzender. 2003 hat er verkündet, von Land’s End im äußersten Südwesten Englands bis ins etwa 1340 Kilometer entfernte John O’Groats an der nordwestlichen Spitze von Schottland zu wandern. Das ist an sich schon ein ehrgeiziges Unterfangen.

Wenn er gut zu Fuß ist und am Tag 30 Kilometer schafft, kann man sich ausrechnen, wie lange er braucht. Etwas mehr als 40 Tage, wenn er keinen Ruhetag einlegt. Er müsste also längst angekommen sein. Aber dazu muss er gehen. Stattdessen sitzt er die meiste Zeit. Zwischen Mai 2006 und Oktober 2012 hat er nur rund eine Woche nicht gesessen. Und einmal ist er auch so vor Gericht erschienen, wie er wandern will. Das hat ihm zusätzlich eine Verurteilung wegen Beleidigung des Gerichts eingebracht. Gough wandert nackt.

Gott ja, muss jeder selber wissen, was für eine Macke er hat. Wenn einer es toll findet, dass ihm bei der Rast vom Wandern die Ameisen übers blanke Gesäß krabbeln, soll er doch. Meine Präferenz wäre das nicht.

Insgesamt wurde Stephen Peter Gough mehr als 30-mal verhaftet wegen Exhibitionismus. Seitdem er nackt durch England läuft, hat er sieben Jahre in Haft verbracht. Damit hat er sich eigentlich als Wanderer disqualifiziert. Er hat dann vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg geklagt, weil die britischen Urteile gegen sein Recht auf Meinungsfreiheit verstoßen würden. Seine Nacktheit will er nämlich als Statement verstanden wissen, der menschliche Körper sei gar nicht anstößig. So etwa. Aber hat das jemand behauptet? Mal so von Wanderer zu Wanderer gesprochen: Mensch, Stephen Peter, das ist doch furchtbar unbequem, so bar jeglicher Funktionskleidung rumzulaufen. Es ist doch sicher kalt, hat, zugegeben, bei Regen natürlich den Vorteil, dass die Klamotten nicht nass werden. Aber der Rucksack scheuert auf der blanken Haut, was schon nach ein paar Metern sehr schmerzhaft ist. Und die Mücken haben keine Hindernisse mehr, sondern freien Zustich überallhin. Überall, auch da Stephan Peter. Es ist äußerst fraglich, ob Stephan Peter auf diese Weise jemals in John O’Groats ankommt.

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