Zeitung Heute : Wandlung als Konzept

KATRIN BETTINA MÜLLER

Berlinische Galerie zeigt im Brandt-Haus eine Retrospektive des litauischen Malers Issai KulvianskiVON KATRIN BETTINA MÜLLERAls Issai Kulvianski 1925 das erste Porträt seiner Eltern malte, hatte er seine litauische Heimat bereits acht Jahre zuvor verlassen, um in Berlin zu arbeiten.Ein braunes, erdiges Licht, wie auf einer nachgedunkelten Fotografie, liegt über Friedhof, Kirchlein und einer Handvoll geduckter Häuser im Hintergrund der sonntäglich gekleideten Eltern. Als sich der Maler 1960 - inzwischen in Frankreich lebend - erneut dem Sujet seiner Herkunft zuwandte, war kaum noch etwas von der vertrauten Stimmung und sicheren Verwurzelung geblieben.Fast das ganze Bild ist in verwischte helle und braune Flecken aufgelöst, die Verortung im ostjüdischen Alltag verschwunden: Allein die Geste, mit der sich der Vater seiner Frau zuwendet, hält das Paar zusammen.Im Nebeneinander der beiden Bilder erscheint die stilistische Wandlung vom narrativen, detailreichen Stil der Neuen Sachlichkeit zu einem emotionalen, erregten Tachismus sowohl die Entfernung von den konkreten Erinnerungen anzuzeigen als auch ihre Reduktion auf ein Konzentrat zu vermitteln. Die stilistische Form war für den Maler und Bildhauer Issai Kulvianski (1892-1970) keine Frage der Aktualität sondern des Inhalts.Sein Werk spiegelt fast ein Jahrhundert Kunstgeschichte - aber nicht als chronologische Entwicklungslinie, sondern als erstaunlich spannungsreiches Gefüge.Wie sein Landsmann Chagall hielt er in der Emigration, die ihn von Berlin 1933 nach Palästina und in den fünfziger Jahren zurück nach Deutschland und Frankreich brachte, an einem Motivkreis des ländlichen Ostjudentums fest.Er zeichnete eine Schusterwerkstatt, Talmudschüler, Babuschkas, einen Milchmann.Daneben entstanden seit den zwanziger Jahren konstruktive Farbstudien, leichte, fliegende Raumordnungen.In den Fünfzigern baute er diese verwinkelten und durchlässigen Strukturen als Skulpturen. Doch am meisten verblüfft sein Vorgriff auf eine gestisch expressive, zwischen Abstraktion und figürlichen Ahnungen pulsierende Malerei, die man erst seit Baselitz gewohnt ist.Ein "Grün verdichtet" von 1962 lebt ganz aus der Bewegung des Malenden.Beim "Tod als Narr verkleidet" scheint die flüchtige, schmutzig braune Farbe gerade eben Bewegung und Grinsen der Figur zu umreissen, bevor sie verläuft.Vom Aufbruch, nicht vom Abschluß ist Kulvianskis Alterswerk geprägt, der kurz vor seinem Tod 1970 wieder nach Berlin gezogen war. 1972 erwarb Eberhard Roters die erste Version des Elternbildnisses für die Berlinische Galerie.Die Pflege vergessener Künstler brachte dem Museum das Vertrauen von Kulvianskis Ehefrau Susi ein, die das Museum mit der Nachlaßverwaltung betraute.Den jetzigen Katalog betrachtet Jörn Merkert, Direktor der Berlinischen Galerie, als Anfang: Vielleicht lassen sich ja noch die als verschollen geltenden frühen Skulpturen und Denkmalprojekte Kulvianskis entdecken.Wenig ist bisher auch von seinen Arbeiten aus Israel (1933-1950) bekannt, wo Kulvianski Bühnenbilder entwarf und an Sammler verkaufte.Doch schon jetzt läßt die im Willy-Brand-Haus präsentierte Ausstellung Kunst als den roten Faden ahnen, die einem wechselvollen Leben Kontinuität verlieh. Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr.28, bis 28.Februar; Montag bis Sonnabend 10-20 Uhr, Sonntag 11-18 Uhr.

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