Zeitung Heute : Wanted

Elke Windisch[Moskau]

Was wird heute wichtig?

Ukraine. Wenn das Parlament in Kiew heute Julia Timoschenko als Regierungschefin der Ukraine bestätigt, dürfte das in Moskau wenig Freude machen. Mit Frauen in Führungspositionen tut sich die russische Macho-Gesellschaft nach wie vor schwer. Noch dazu mit so kompetenten und durchsetzungsfähigen wie der Ikone der orangenen Revolution . Timoschenko ist allerdings für Moskau noch aus einem anderen Grund ein echtes Problem. Als Vizepremier, zuständig für Energiewirtschaft, soll sie 1999 versucht haben, Beamte des russischen Verteidigungsministeriums zu bestechen. In Russland ist daher ein Verfahren gegen sie anhängig. In die Fahndung wurde auf Ersuchen Moskaus inzwischen sogar Interpol eingeschaltet. Das Verfahren, teilte Wladimir Ustinow, Russlands oberster staatlicher Ankläger, gleich nach Timoschenkos Ernennung zur Premierministerin am 24. Januar mit, sei nicht eingestellt. Theoretisch muss Timoschenko mit ihrer Festnahme rechnen, sobald sie russischen Boden betritt. Zwar genießt sie als Regierungschefin Immunität . Doch ob die auch auf dem Hoheitsgebiet anderer Staaten gilt, lässt sich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Gleichwohl gilt: Dass Moskau es tatsächlich zu einem derartigen Eklat kommen lässt, ist unwahrscheinlich. Das ohnehin gespannte und historisch belastete Verhältnis der beiden ostslawischen Brüder würde irreparabel beschädigt. Dazu kommt, dass beider Volkswirtschaften noch immer sehr eng miteinander verzahnt sind. Für die Wirtschaft aber sind sowohl in Moskau als auch in Kiew in erster Linie nicht die Präsidenten, sondern die Regierungen zuständig. Timoschenko einfach zu ignorieren, kann Moskau sich daher auch nicht leisten.

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