Zeitung Heute : Warner ohne Wirkung

ARPE CASPARY

Forum: der Dokumentarfilm "Nachrichten aus dem Untergrund"VON ARPE CASPARY"Nachrichten aus dem Untergrund" berichtet von drei Männern, die die Alliierten seit August 1942 - also fast seit Beginn der fabrikmäßigen Ausrottung der europäischen Juden - über den planmäßigen Völkermord in Kenntnis setzten.Ein slowakischer Jude, Rudolf Vrba, der es fertigbrachte aus Auschwitz zu fliehen, der Schweizer Jude Gerhard Riegner, der als hoher Mitarbeiter des Jüdischen Weltkongresses in der Schweiz ein Informationsnetz über die Lage der europäischen Juden aufbaute und Jan Karski, Kurier des polnischen Widerstandes, der den alliierten Regierungen persönlich vom Massenmord berichten sollte.Riegner und Karski machten immer wieder Vorschläge, wie die Massenvernichtung durch finanzielle, diplomatische und militärische Mittel aufzuhalten sei.Viele ihrer Gesprächspartner wollten ihnen nicht glauben oder hielten die Berichte für maßlos übertrieben.In einem offiziellen Bericht des britischen Außenministeriums vom Januar 1944, den der Film zitiert, heißt es: "In den jüdischen Berichten wird die Zahl der Toten meist übertrieben, um die Zahl der Überlebenden, die ein Problem darstellen, zu untertreiben." Erst nach öffentlichen Protestveranstaltungen der großen jüdischen Verbände Amerikas legte die US-Regierung einen Plan zur Bekämpfung des Massenmordes vor.Doch sowohl das eigene Außenministerium, wie auch die britische Regierung waren entschieden gegen jede Rettungsmaßnahme, und zwar wegen der "Schwierigkeiten, eine größere Zahl von Juden zu verteilen, falls diese gerettet würden"! Die Aussage stammt von Josiah DuBois, der während des Krieges Assistent von US-Finanzminister Morgenthau war.Er wirft den Regierungsmitarbeitern, die alle Vorschläge für Rettungsversuche über 18 Monate hin blockiert hatten, vor, die Ausrottung der europäischen Juden bewußt gebilligt zu haben. Es ist beklemmend zu sehen, wie Jan Karski mit Medusenmiene von seinen vergeblichen Versuchen erzählt, Diplomaten und Politiker bis hin zu Präsident Roosevelt zu bewegen, etwas zu unternehmen.Er hatte sich in das Warschauer Ghetto und ein Konzentrationslager einschleusen lassen, um als Augenzeuge berichten zu können.Er sah Menschen im Ghetto fast nackt, bewegungslos an eine Wand gelehnt sterben, er sah die unbegrabenen Leichen auf den Straßen des Ghettos, denn für eine Beerdigung verlangten die Deutschen Geld, er sah wie Juden in Eisenbahnwaggons hinein geprügelt und dann noch kleine Kinder über ihre Köpfe hinterher geschmissen wurden. Jenseits aller Worte ist Karskis Gesicht zum Zeugnis geworden: Daß er jemals wieder wird lachen können, mag man nicht glauben.Am Schluß bekennt er: "Als Kurier für die Polen und auch im Exil, war ich erfolgreich.Ich war wirksam.Ich habe meine Pflichten erfolgreich erfüllt.Was meine sogenannte jüdische Mission betrifft, war ich zu klein, ich war zu dumm.Für die jüdische Mission wäre jemand stärkerer, größerer, besserer notwendig gewesen.Die Juden hatten kein Glück mit mir.Sie wählten mich, weil ich eben da war.Sie hatten niemanden besseren.Ich war nicht erfolgreich.Es war nicht mein Fehler.Ganz einfach, jemand größerer wurde gebraucht.Ich war ein kleiner, unbekannter, junger Agent einer der europäischen Untergrundbewegungen, es gab hunderte solcher Kuriere.Und offensichtlich waren meine Botschaften nicht wirksam.So fühle ich heute.Ist das zu verstehen?" Heute 12 Uhr (Akademie der Künste)

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