Zeitung Heute : Warnstufe Orange

Die amerikanischen Geheimdienste sind von Iraks Zusammenarbeit mit Al Qaida überzeugt – ihre deutschen Kollegen skeptisch

Malte Lehming,Frank Jansen

Von Malte Lehming

und Frank Jansen

Die Warnung war deutlich. Einen Monat nach dem 11. September 2001 forderte US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice die Medien eindringlich auf, Videos und Tonbänder von Osama bin Laden niemals unredigiert zu verbreiten. Der Terrorchef könne verschlüsselte Botschaften verschicken oder Schläfer aktivieren, hieß die Begründung. An diesem Dienstag jedoch galt diese Regel nicht mehr. Der regierungsnahe, konservative Nachrichtensender Fox strahlte das jüngste Osama-Band in voller Länge aus – und niemand beschwerte sich.

Denn dieses Tonband passt offenbar wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Schon Stunden vor dessen Ausstrahlung auf Al Dschasira hatte Außenminister Colin Powell darin einen weiteren Beleg für die „Partnerschaft“ zwischen bin Laden und Saddam Hussein gesehen. Woher Powell das Band kannte, bleibt sein Geheimnis. Seit Montagabend, heißt es in US-Regierungskreisen nebulös, sei man informiert gewesen. Auch der Sprecher des Weißen Hauses blieb kryptisch. „Es sollte niemanden überraschen, dass wir in der Lage sind, Dinge zu hören, zu sehen und herauszufinden, die einen gewissen Neuigkeitswert haben“, sagte Ari Fleischer nicht ohne Stolz. Powells Bemerkung über die „Partnerschaft“ zwischen Osama und Saddam fiel auf einer Anhörung vor dem US-Senat. Auf derselben Veranstaltung bekräftigten FBI-Direktor Robert Mueller und CIA-Chef George Tenet diese These. Laut Tenet gibt es „überwältigende Beweise“ für die Verbindung.

In dasselbe Horn hatte Powell bereits am 5. Februar geblasen. In seinem Vortrag vor dem UN-Sicherheitsrat nahm das Thema einen überraschend großen Raum ein. Im Zentrum stand damals der 36-jährige, beinamputierte Jordanier Abu Mosab al Zarqawi. Der soll in Bagdad mit Duldung des irakischen Regimes eine neue Terrorzelle gegründet haben. Zu Zarqawis Spezialitäten gehört der Einsatz von biologischen und chemischen Waffen. Ein Großteil der US-Informationen über Zarqawi stammt aus Deutschland. Allerdings sind die deutschen Behörden wesentlicher skeptischer als die amerikanischen, was die Frage einer direkten Zusammenarbeit zwischen dem Irak und Zarqawi anbelangt. „Vielleicht weiß Powell mehr als wir“, sagt ein deutscher Ermittler. „Aber ein Beweis für eine direkte Verbindung zwischen Zarqawi und Bagdad liegt uns nicht vor.“

Die US-Bevölkerung interessiert sich wenig für solche Spitzfindigkeiten. Saddam ist böse, Osama ist böse, und wir sind bedroht: Das ist die beherrschende Wahrnehmung des Konflikts. Seit Freitag gilt die erhöhte Terrorwarnstufe Orange. Rund um Washington sind Militärfahrzeuge mit Luftabwehr-Raketen stationiert worden, die Bürger sichern ihre Wohnungen gegen biochemische Angriffe ab, für den Notfall liegen Klebebänder, Decken, Batterien und Taschenlampen bereit. In den Läden in Washington werden diese Schutzutensilien bereits knapp.

Die Sicherheitslage in Deutschland hat sich nach Einschätzung der Behörden offenbar nicht weiter verschärft. „Vor einem Angriff der Amerikaner gegen den Irak sind Anschläge kaum zu erwarten“, heißt es in Sicherheitskreisen. Wenn jetzt ausgerechnet in der einen Militärschlag ablehnenden Bundesrepublik ein Selbstmordattentat verübt werde, „bewirken die Urheber ein Bröckeln der Ablehnungsfront gegen den Irak-Krieg“. Im vergangenen Jahr hatte bin Ladens Stellvertreter der Bundesrepublik angedroht, Al Qaida könne die „Dosis“ des Anschlags von Djerba noch erhöhen. Durch die Explosion auf der tunesischen Insel waren 21 Menschen ums Leben gekommen, darunter 14 Deutsche.

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