Zeitung Heute : Warnung vor Panikmache

HARRY LUCK (AP)

Nach der Aufdeckung des Kinderpornorings in den Niederlanden haben Computerexperten vor Panikmache im Zusammenhang mit entsprechendem Material im Datennetz gewarnt."Dem Internet wird unrecht getan.Man stößt dort nicht zufällig auf Kinderpornos", sagt Online-Spezialist Stephan Altmann von der Münchner Zeitschrift "Chip".Vera Günther, Fachredakteurin bei der Zeitschrift "Win", ist sicher, daß verbotene Pornographie im Internet nicht stärker verbreitet ist als im richtigen Leben.Sie selbst habe große Schwierigkeiten gehabt, für eine Recherche "richtig schlimme Bilder" zu finden.

Beide Experten wollen Kinderpornos nicht verharmlosen, weisen aber auf den Unterschied zwischen erlaubter und verbotener Pornographie hin."Schweinebilder zu finden ist kein Problem", weiß Günther.Gewaltfreie Pornos werden im Netz meist kommerziell vertrieben - Kreditkartennummer vorausgesetzt.Wer "Sex" oder "Porno" in eine Suchmaschine eingibt, bekommt unzählige Hinweise auf Internetseiten.Für den Zugriff wird aber nach ein paar "Appetithäppchen" in Briefmarkengröße bald Bares fällig.

Verbotene Inhalte wie Tier-, Kinder- und Gewaltpornographie bietet jedoch niemand öffentlich an."An solche Bilder kommt man nur, wenn man über entsprechende Kontakte verfügt und eine geheime Codesprache beherrscht.Dazu muß man Profi sein." Während man "normale" Pornofotos mit drei Mausklicks auf den Schirm holen könne, werde niemand mit Kinderpornos überschüttet, wenn er seinen Rechner einschalte, sagt Altmann.Daß ein Kind im Internet solche Seiten zufällig findet, sei nahezu unmöglich.

Nach Auffassung Altmanns ist es "sehr viel wahrscheinlicher", in Online-Diensten wie AOL oder T-Online auf Kinderpornos zu stoßen.Die ersten Kinderpornoringe habe es im T-Online-Vorgängerdienst BTX gegeben.In AOL beispielsweise gebe es gute Kindersicherungen - sogenannte "Sittenwächter", mit denen der Zugriff auf bestimmte Seiten gesperrt wird.In den meisten Fällen sei dieser Schutz ausreichend."Der beste Schutz ist jedoch, Kinder niemals allein im Internet surfen zu lassen", rät der Computerjournalist.Daß durch das Internet die Kinderpornographie zugenommen hat, bezweifelt er: "Früher wurden Videos mit der Post verschickt.Heute tauscht man Bilder per E-Mail."

Aber was tun, wenn man - durch welchen Zufall auch immer - auf eine kinderpornographische Seite stößt? Passiert dies in einem Online-Dienst, rät Altmann dazu, sofort den Dienst-Anbieter anzurufen.Im Internet sollte man die Adresse der Seite notieren und die Polizei informieren, "auch auf die Gefahr hin, daß die Beamten Ihren Rechner durchsuchen." Denn allein schon das Abspeichern einer Kinderpornodatei, selbst wenn sie unaufgefordert zugeschickt wurde, ist eine Straftat.Eine Anzeige bei der Polizei hält Vera Günther dennoch für wenig erfolgversprechend, weil ein verbotenes Diskussionsforum meist ständig den Namen wechsle.

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