Zeitung Heute : Warten auf den weißen Mann

Hier begann die neue Vogelgrippewelle, hier starben drei Kinder. Ein Besuch ganz im Osten der Türkei

Thomas Seibert[Yalieres]

Als erst die Hühner und dann die Kinder starben, bekam Cuma Dayan es mit der Angst. Noch vor zwei Wochen hatten seine eigenen Kinder, drei Söhne und zwei Töchter, unbekümmert mit den vier Hühnern gespielt, die Dayan hielt, um den Speiseplan etwas aufzubessern. Die Dayans sind arme Leute, wie alle hier in Yalieres, einer Siedlung in der Nähe der osttürkischen Provinzhauptstadt Van. Ein paar Eier ab und zu und ein Brathühnchen sind da schon etwas.

Doch damit ist es jetzt vorbei. Dayan hat seine Hühner weggesperrt und wartet auf die Leute vom Veterinäramt, die sie abholen sollen. Denn in Yalieres ist die Vogelgrippe aufgetaucht, ein Schild am Ortseingang warnt ganz offiziell: „In diesem Bezirk gibt es Hühnerpest.“ Dayans Kinder haben jetzt Angst vor Hühnern, sie laufen weg, wenn sie eins sehen. Aber: Bisher ist in Yalieres, ausgerechnet in dieser Gegend, die als Ausgangspunkt gilt der neuen Angstwelle vor der Vogelgrippe, noch kein Angestellter des Veterinäramtes aufgetaucht.

Das Virus rückt nach Westen vor, und die Türkei ist die bisher letzte Station. Gestoppt hat es wohl nicht. Noch immer ist es von Mensch zu Mensch nicht übertragbar, auch wenn sich britische Wissenschaftler seit gestern Sorgen darüber machen, ob eines der türkischen Vogelgrippe-Opfer an einer mutierten Form des Virus H5N1 gestorben ist, die für den Menschen besonders gefährlich sei. Seit das Virus 2003 in Asien aufgetaucht ist, haben sich weltweit etwa 150 Menschen infiziert, 80 sind gestorben, in der Türkei sind es bisher 18 Erkrankte und drei Tote; über einen vierten Fall wird noch gerätselt. Alle Toten sind Kinder. Und alle kamen sie aus dieser Gegend. Hier gibt es gleich Millionen von Hühnern, sie sind billig zu halten und liefern Fleisch, Eier und Federn, sie sind eine Ernährungsgrundlage für die Ärmsten in der Türkei. Und die Hühnervernichter in ihren Vollschutzanzügen tauchen hier nicht auf?

„Die kommen nicht, weil hier nur arme Leute wohnen“, sagt einer aus dem Dorf. Die Straße zwischen Yalieres und Van, der Provinzhauptstadt, ist voller Schlaglöcher und mit gefrorenem Schneematsch überzogen. Wer in die Stadt will, läuft gut einen Kilometer zur nächsten Bushaltestelle, und die Ankunft eines Autos zieht in Yalieres immer einen Pulk neugieriger Kinder an. Einige von Dayans Nachbarn haben ihre Hühner getötet und die Kadaver einfach auf die Straße geworfen. Sie liegen immer noch da.

Es ist nicht das erste Mal, dass Dayan Angst um seine Familie hat. Vor zehn Jahren war der heute 35-Jährige aus seinem Dorf im Dreiländereck zwischen der Türkei, Iran und Irak geflohen – es lag mitten in dem Gebiet, in dem die türkische Armee gegen die kurdische PKK kämpfte. In Yalieres konnte sich Dayan damals mit staatlicher Unterstützung ein kleines Häuschen bauen. Mehr als das Wohnzimmer können die Dayans aber immer noch nicht heizen, es ist zu teuer. Cuma Dayan ist arbeitslos und schlägt sich als Hilfsarbeiter durch, zuletzt hatte er einen Job auf dem Bau. Das war im Sommer. Nun muss das Ersparte eine Weile reichen. Das macht den Verlust der Hühner noch schmerzlicher.

Den meisten Nachbarn, die sich an einem strahlend schönen, aber bitterkalten Nachmittag in Dayans warmem Wohnzimmer zum Tee eingefunden haben, geht es ähnlich. Die Männer sitzen auf dem rot-grün gemusterten Teppich im Kreis um den bullernden Ofen. Dayan begrüßt jeden Gast mit einem Spritzer Kölnisch Wasser und reicht Tee.

Informiert fühlt sich hier keiner. Das Virus ist eine Chimäre. Kaum einer weiß, wie es aussieht, wo es herkommt und wie gefährlich es ist, geschweige denn, wie man mit den Hühnern, mit dem Hühnerfleisch oder mit den Hühnereiern jetzt umgehen soll. Sie wissen nur, es ist winzig, was die Angst noch vergrößert. Und dass man daran sterben kann. „Allein hier in der Gegend sind sieben Leute ins Krankenhaus gekommen“, sagt einer. „Gibt’s so was denn auch woanders, außerhalb der Türkei?“, fragt ein anderer. Von der Vogelgrippe in Südostasien und China hat er noch nie gehört.

Während Cuma Dayan und seine Nachbarn noch auf die Männer in den Schutzanzügen warten müssen, hat Sefik Yasar mehr Glück. Vor seiner Hütte an einer Ausfallstraße südlich von Van ist der Vernichtungstrupp schon eingetroffen: Acht Männer mit weißen Spezialanzügen, Schutzbrillen und Mundschutz, unterstützt von vier Soldaten mit Schnellfeuergewehren, stellen Yasars sechs ahnungslosen Hühnern nach. Eines kann dem Trupp entwischen und läuft gackernd über den Hof, bevor einer der rennenden weißen Männer es erwischt. Vermutlich lebt es noch, wenn es in seinem Sack in eine eilig ausgehobene Grube geworfen wird. Nur langsam regt sich in der Öffentlichkeit Protest gegen diese Tierquälerei; in mindestens einem Fall ermittelt nun tatsächlich die Staatsanwaltschaft.

Sefik Yasar protestiert nicht dagegen, dass sie ihm an diesem Tag seine Hühner wegnehmen. Aber anderswo wehren Hühnerhalter sich noch immer, das vergrößert das Problem, das sowieso jeden Tag zu wachsen scheint – und zwar nicht nur im besonders armen Osten Anatoliens, sondern auch in der europäischsten Stadt des Landes, in Istanbul. In einem Armenviertel, in dem tote Vögel gefunden worden waren, ist gerade eine 15-köpfige Familie ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil sie ihre kranken Hühner lieber verspeist hatte, als die Behörden zu verständigen. In einem anderen Quarantäne-Bezirk der Stadt musste die Polizei anrücken, weil einige Bewohner ihre Hühner partout nicht herausrücken wollten.

Für Cuma Dayan kommt so etwas nicht in Frage. Er kann sich noch zu gut an den Schrecken erinnern, der ihn durchfuhr, als er kurz nach Neujahr erfuhr, dass der 14-jährige Mehmet Ali Kocyigit aus Dogubeyazit am Berg Ararat gestorben war, nachdem er ein krankes Huhn geschlachtet hatte; kurz darauf starben auch die Schwestern Fatma und Hülya. Der Ort liegt zwar 200 Kilometer weit weg, aber die kranken Kinder waren ins Universitätskrankenhaus von Van gebracht worden, und das hat diese beängstigende Krankheit dann praktisch vor die Haustür der Dayans geliefert. Von den Kocyigit-Kindern hat nur der sechsjährige Ali Hasan überlebt. Dieser Tage ist er aus der Klinik nach Hause zurückgekehrt.

Die Kocyigits sind ebenso arm wie die Dayans. Vater Zeki hatte bis vor einigen Jahren noch Musikkassetten im eigenen Geschäft verkauft, bis ein Erdrutsch alles hinwegfegte. Er habe seinen Kindern nie etwas bieten können, hat er kürzlich einer türkischen Zeitung erzählt. „Sie starben in Armut. Wenn sie Spielsachen wollten, erfand ich eine Ausrede, warum ich keine kaufen konnte. Ich flickte ihre abgenutzten Schuhe und zog sie ihnen wieder an.“ Inzwischen hat Zeki Kocyigit von den Behörden finanzielle Unterstützung und Jobangebote erhalten. Ministerpräsident Recep Tayip Erdogan persönlich will Kocyigit und seinen einzig verbliebenen Sohn Ali Hasan nun bald in Ankara empfangen, um mit ihm über die Zukunft der Familie zu reden – und natürlich, um medienwirksam zu demonstrieren, dass sich der Staat um die Opfer der Vogelgrippe kümmert.

Dabei versagt der Staat schon bei der Prävention. Ein Beispiel: Viele Menschen rund um Van sprechen kein Türkisch – sie sprechen Kurmanci, einen kurdischen Dialekt. Und so verstehen ausgerechnet die, die dieser Tage am meisten gefährdet sind – und deren Kooperation beim Hühnerfang besonders wichtig wäre – die Infosendungen der Regierung nicht, die seit Neuestem im Fernsehen laufen. Nirgendwo in der Türkei ist die Arbeitslosigkeit so hoch, die Infrastruktur so schwach und das Bildungsniveau so niedrig wie im Osten, dem Hühnerland. Die drei Kinder der Kocyigits seien auch Opfer ihrer Armut geworden, meinen manche deshalb.

Aber das ist nicht das einzige Beispiel für das Versagen des türkischen Staates im Kampf gegen die Vogelgrippe. Örtliche Behörden hatten den Krankheitserreger bereits Mitte Dezember nördlich von Van, in der Provinz Agri, an totem Geflügel aufgespürt, doch dann hatte es Wochen gedauert, bis die Regierung in Ankara den Ausbruch öffentlich bekannt gab. Wichtige Untersuchungsergebnisse sind im Dschungel der Bürokratie verloren gegangen, und Regierungssprecher Cemil Cicek hatte die Medien sogar beschuldigt, aus purer Sensationsgier aus einer Mücke einen Elefanten zu machen; inzwischen hat er sich dafür allerdings entschuldigt. Und der Landwirtschaftsminister Mehdi Eker erteilt seinen Beamten eine Urlaubssperre, um im Kampf gegen die Seuche alle Mann an Deck zu haben – und nimmt sich selbst dann erst einmal frei. Auch deshalb sind Leute wie Cuma Dayan zutiefst verunsichert. Sie sagen: Nur wenn der Staat durchgreift, hört das auf.

Aber bisher sind die Männer in Weiß noch nicht da gewesen. Und die Menschen in Yalieres sitzen vor ihrem bullernden Ofen, draußen die weggesperrten Hühner, und sagen: Es ist wie ein Sturm. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt.

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