Zeitung Heute : Warten auf die nächste Explosion

„Die Integration ist komplett gescheitert“, sagt ein Lehrer in einer Pariser Vorstadt. Aber darüber öffentlich zu reden – ist verboten

Wem gehört dieses Viertel heute Nacht? Gehört es den knapp 100 Polizisten, die in martialischer Montur rund um den Kreisverkehr postiert sind? Die ab und zu ein Auto anhalten und den fluchenden Fahrer aussteigen lassen, Leibesvisitationen vornehmen und Kofferräume durchsuchen?

Oder gehört es den jungen Männern, die in kleinen Gruppen abseits der Straßen stehen, in dunklen Ecken zwischen grauen Plattenbauten? 13 sind die jüngsten, Mitte 20 die älteren, und alle scheinen sich zu kennen. Neuankömmlinge werden mit komplizierten Handschlag-Kombinationen begrüßt, Gehende mit ebensolchen verabschiedet, Abwesende per Mobiltelefon auf dem Laufenden gehalten.

Sie tragen die Uniformen der Pariser Vorstädte, Turnschuhe und Trainingsanzüge, auf denen in riesigen Lettern Markennamen prangen. Sie heißen Zaid und Pito und Magib, aber das tut nichts zur Sache, sagen sie, „nenn uns einfach racailles, so wie Sarko uns genannt hat“. Racailles heißt Abschaum, und der Mann, der das gesagt hat, heißt hier nur Sarko. Wer das Wort ausspricht, presst es zwischen den Lippen hervor wie etwas, das man nicht in den Mund nehmen will. Mit seiner Drohung, den „Abschaum“ aus den Banlieues „mit dem Hochdruckreiniger“ zu entfernen, hat Innenminister Nicolas Sarkozy den Vorstadtkindern ein Feindbild geliefert. Und seine Einsatzkräfte sind es schon lange: „On n’aime pas les flics ici“, sagen die Jugendlichen. Wir mögen die Bullen nicht. Sie behaupten, von der Polizei schikaniert zu werden, sie berichten von gewalttätigen Übergriffen, von grundlosen Verhaftungen. „Wer hier aufwächst, hat verloren“, sagen sie. Keiner von ihnen hat einen Job, viele sehen keinen Grund, die Schule abzuschließen: „Wozu? Es gibt eh keine Arbeit danach.“

Es liegt viel Verzweiflung in diesen Berichten, aber in diesen Tagen schwingt auch etwas wie Stolz mit. „Die Leute da draußen wollen vergessen, dass es uns gibt. Aber das werden sie nicht schaffen, dafür sorgen wir.“ Auch um den Preis, Autos anzuzünden, vielleicht verhaftet zu werden? Die Antwort kommt prompt: „Wenn hier keine Autos brennen würden, wärst du nicht hier.“ Einer der Jugendlichen bemüht sich, den theoretischen Überbau zu liefern: „Es ist wie die Französische Revolution: Erst gibt es einen König, dann kommt die Demokratie. Aber dazwischen braucht man einen Bürgerkrieg.“

Heute Nacht geht der Bürgerkrieg unentschieden aus. Die Truppen des Königs kontrollieren die Straßen, die Rebellen verschanzen sich in den Hinterhöfen. Es ist die erste Nacht seit zehn Tagen, in der es weitgehend ruhig bleibt in Aulnay-sous-Bois.

„Nach Rose des Vents? Vergessen Sie’s!“ Der Taxifahrer schüttelt vehement den Kopf. Es ist zwölf Uhr mittags, die Sonne scheint, der Bahnhofsplatz von Aulnay-sous-Bois könnte kaum friedlicher wirken. Aber in die „cités“, in die nördlichen Plattenbauviertel, ist der Fahrer um keinen Preis zu bewegen. „Tut mir Leid, Monsieur, nehmen Sie den Bus.“

Wer in die cités will, braucht Geduld. Zweimal in der Stunde windet sich ein überfüllter Linienbus zwischen Einfamilienhäusern durch, bis er nach 40 Minuten die „Route Nationale 2“ erreicht, die das „gute“ Aulnay-sous-Bois von seiner schlechteren Hälfte trennt – dem Viertel mit dem klangvollen Namen Rose des Vents. Billige Plattenbauten, errichtet Mitte der 60er Jahre, als Citroën hier eine Manufaktur eröffnete und Gastarbeiter aus dem Maghreb und Schwarzafrika in der Vorstadt angesiedelt wurden.

Die Spuren dessen, was sich in den letzten Nächten hier abgespielt hat, sind unübersehbar: Entlang der zentralen Rue Edgar Degas ist der Asphalt mit großen Brandflecken übersät, und von zwei Bushaltestellen sind nur noch verkohlte Gerippe übrig. Als vor knapp zwei Wochen in Clichy-sous-Bois zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei starben, war Aulnay-sous-Bois eines der ersten Viertel, auf das die Gewalt übersprang. Und eines der am heftigsten betroffenen: Zahllose Autos sind abgebrannt, ein komplettes Renault-Zentrum, eine Großbäckerei, ein Box-Club, mehrere Ladenlokale.

Die Isolation des Viertels ist greifbar, auch räumlich: im Norden, Osten und Westen Industriegebiete, im Süden die sechsspurige Route Nationale. Überqueren kann man sie nur an einer Stelle, dahinter liegen die Einfamilienhäuser des „guten“ Aulnay-sous-Bois, wo ein älterer Mann das Herbstlaub aus seinem Vorgarten harkt. Das Haus hat er selbst gebaut, erzählt er stolz, vor 30 Jahren, „als man hier noch ruhig leben konnte“. Jetzt sei er „im Bus der einzige Weiße“. Als vor ein paar Jahren bei den Nachbarn eingebrochen wurde, habe er sich einen Baseballschläger gekauft, jetzt denkt er über eine Schrotflinte nach.

Das Rathaus von Aulnay-sous-Bois steht gleich hinter dem Bahnhofsplatz. Die Worte „Liberté, Egalité, Fraternité“ sind in den Dachfirst gemeißelt. Nathalie Choulet ist für den Problembezirk Rose des Vents zuständig, und sie hat viel zu erklären in diesen Tagen. Geduldig wartet sie mit Zahlen auf: 25000 Einwohner, von denen 88 Prozent in Sozialwohnungen leben, 40 Prozent jünger als 25 Jahre alt und 30 Prozent arbeitslos sind. Auf einen Haushalt kommen im Schnitt vier Kinder und ein Monatseinkommen von 1600 Euro, manche Familie schlägt sich mit 500 durch. Wer eine Bewerbung mit dem Absender Aulnay-sous-Bois verschickt, verringert seine Einstellungschancen um den Faktor fünf. Nathalie Choulet betont, die Probleme des Viertels seien seit langem bekannt und würden aktiv angegangen: Für den Abriss von Plattenbauten und den Bau neuer Wohneinheiten habe man 260 Millionen Euro akquiriert, die Route Nationale werde zum Boulevard umgestaltet. Bereits 1997 sei das Viertel zur Sonderwirtschaftszone erklärt worden, Unternehmen müssen hier keine Steuern zahlen.

Eine Zahl bleibt offen: der Anteil von Immigranten an der Bevölkerung. 80 Prozent, schätzt Nathalie Choulet, bevor ihr ein Kollege ins Wort fällt: „Darüber gibt es keine Angaben. Es sind französische Staatsbürger.“ Aber legt die Zusammensetzung der Banlieues nicht nahe, dass die Unruhen ethnische, kulturelle, vielleicht sogar religiöse Ursachen...? „Fondamentalment non!“, verneint Madame Choulet kategorisch. „Das Problem ist Armut, nicht Herkunft.“ Sie redet jetzt sehr schnell, ihre Wangen sind gerötet. „Wir dürfen die Immigrantenfamilien nicht stigmatisieren“, sagt sie. „La France, c’est un melting-pot.“ Frankreich, ein Schmelzkessel der Kulturen. Es klingt wie eine Beschwörungsformel.

Für „komplett gescheitert“ hält Pascal Odin das Projekt der Integration in Frankreich. Er unterrichtet Geschichte an einer Schule im Bezirk. Er berichtet von katastrophalen Verhältnissen: von blutigen Schlägereien im Schulgebäude, von Übergriffen auf das Lehrpersonal. Von Polizisten, die bei Schulbesuchen ihre Dienstwaffen auf den Tisch legen, und von minderjährigen Schülern, die darüber nur kichern, weil sie von Alters wegen nicht belangt werden können. Der Immigrantenanteil liege in seinen Klassen bei 90 Prozent, sagt Odin. „Sie identifizieren sich mit ihrem Viertel, mit ihrem Treppenaufgang, aber auf keinen Fall mit der französischen Nation.“

Selbst am Telefon ist Pascal seine Erregung anzumerken. Für den nächsten Tag verspricht er ein persönliches Treffen, taucht dann aber nicht auf, stattdessen ruft er an – und ist außer sich, seine Stimme bebt: „Man hat uns verboten, mit der Presse zu sprechen.“ Am Vortag hat einer seiner Kollegen in einem Zeitungsbeitrag die französische Schulpolitik kritisiert – und prompt, sagt Pascal, verhängte die Schulleitung ein Medienverbot. „Sie sagen, man dürfe die Angelegenheit nicht weiter anheizen. Die Integration ist komplett gescheitert, aber die Leute glauben immer noch, man müsse nur die Probleme vertuschen, damit sich alles wieder einrenkt. Wenn diejenigen, die die Probleme kennen, nicht darüber reden dürfen – wer soll es dann tun?“

Im Lauf der Woche wird die Lage in den Banlieues ruhiger. Was wird bleiben von den Tagen des Zorns? In Rose des Vents wird es ein paar Plattenbauten weniger geben und ein paar Einfamilienhäuser mehr. Bei den nächsten Wahlen werden die Rechten ein paar Stimmen mehr bekommen, vielleicht aber auch die Linken. Der Schmelzkessel Frankreich hat Dampf abgelassen und brodelt weiter vor sich hin. Bis zur nächsten Explosion. „Wir werden so lange weitermachen“, sagt einer der Jugendlichen in Rose des Vents, „bis sie uns nicht mehr ignorieren können.“

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