Zeitung Heute : Warten auf Khatami

Von Martin Kilian

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Was hielten Sie davon, wenn Ihr Pastor oder Pfarrer über ein Arsenal von Atomwaffen verfügte? Diverse Bomben mit immenser Megatonnage, auch taktische Atomwaffen oder miniaturisierte ABömbchen als Sprengköpfe, dazu Raketen als Trägerwaffen? Nicht so gut wäre das, erschrecken Sie, da die Einhaltung der zehn Gebote erzwungen werden könnte – angesichts Ihres sündhaften Lebenswandels keine angenehme Aussicht, nicht wahr?

Stellen Sie sich Kardinal Ratzinger als Meister der Kernspaltung vor! Oder den wirren nordirischen Pastor Ian Paisley als Dr. Strangelove. Und lieber nicht reden wollen wir von Amerikas Fundi-Pastoren, die ein derartig potentes Weltuntergangsarsenal womöglich missbrauchten, um die Wiederkehr Jesu zu beschleunigen. Dank nuklear bewaffneter Gottesmänner wären sonntägliche Gottesdienste plötzlich Zwangsveranstaltungen und die Klingelbeutel stets prallvoll.

Papperlapapp, sagen Sie und winken ab. Denn niemals nähmen Sie ein derartiges Schreckensszenario hin. Wirklich? Was ist mit dem Iran, wo fanatische Gottesmänner der orthodoxen Sorte heimlich dabei sind, sich thermonukleare Kracher zu beschaffen? Theokraten übrigens, deren Toleranzverständnis mit dem Gotthold Ephraim Lessings vollkommen über Kreuz liegt. Aber, aber, murmeln Sie, in Iran seien doch Reformen angesagt. Und überhaupt: Alles sei viel komplexer dort, ja, so komplex seien die Dinge, dass sie sogar den Iranern unverständlich und verworren erscheinen.

Reform? Ich jedenfalls habe noch nie einen solchen politischen Loser erlebt wie den iranischen „Reformer“ und Präsidenten Mohammed Khatami. Unter normalen Umständen wäre der Mann schon längst ehrenvoll ins Exil nach Monte Carlo entschwunden. Warten auf Reform in Iran ist bislang wie Becketts Warten auf Godot gewesen. Sie wissen, wie das ausging? Wenn Beckett noch lebte, hätte er wahrscheinlich längst ein Stück mit dem Titel „Warten auf Khatami“ verfasst.

Die Mullahs behaupten, ihr Atomprogramm sei rein friedlich und solle dereinst Atomstrom liefern. Wie bitte? Atomstrom trotz riesiger Energievorräte? Das wäre ja so, als importierte die Schweiz gigantische Mengen Emmentaler. Wäre es nicht besser, wenn die Ayatollahs für zwei Milliarden Dollar tragbare Generatoren von Honda kauften? Niemals verursachten diese Geräte schwere Nuklearunfälle. Immer sprängen sie an und lieferten treu Strom. Auch könnten sie mit ordinärem Benzin betrieben werden. Mit iranischem Benzin aus iranischem Öl.

Da indes bis heute kein iranischer Großauftrag an Honda ergangen ist, bleibt nur eine Erklärung: George W. Bush hat Recht, die Mullahs gieren nach der Bombe. Leider besteht die Gefahr, dass niemand dem amerikanischen Präsidenten glaubt, weil er uns schon einmal angeschwindelt hat. Als er nämlich behauptete, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen und könne, falls ihm nicht Einhalt geboten werde, bald Atompilze produzieren. Dass die Glaubwürdigkeit des Präsidenten darunter gelitten hat, entschuldigt jedoch keineswegs die Blauäugigkeit der Europäer, die lange so taten, als existierte die Gefahr nuklear bewaffneter Ayatollahs nur in der amerikanischen Einbildung.

Nun wird es wohl lediglich eine Frage der Zeit sein, bis die iranischen Frommen über wuchtige Sprengkraft verfügen. Amerikanische Armeen würden nicht nach Teheran marschieren, sagte Außenminister Powell kürzlich. Wie könnten sie auch? Alle verfügbaren amerikanischen Armeen sind nebenan im Irak beschäftigt. Man hat sich um einige hundert Kilometer vertan. Vielleicht verwechselten Präsident Bush und Pentagon-Chef Donald Rumsfeld „Iran“ mit „Irak“. Ist ja nur ein einziger Buchstabe Unterschied. Nun werden wir wahrscheinlich mit radioaktiven Theologen leben müssen, deren Interpretation diverser Koransuren durch den Besitz der Bombe Nachdruck verliehen wird. Man wischt sich den Schweiß von der Stirn bei dieser Vorstellung.

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