Zeitung Heute : Warten und lesen

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Als ich vor ein paar Tagen wieder einmal 20 Minuten auf den Metrobus wartete, kam mir folgender Gedanke: Warum schreiben sich die Leute keine schönen Briefe mehr? Ich lese gerade ein Buch, in dem seitenweise Liebesbriefe abgedruckt werden, die von zeitloser verbaler Verschwendung sind. Nur ein Beispiel: „Liebster Ned, es überläuft mich heiß, egal was Du schreibst. Ich schaue mir die Handschrift an und stelle mir vor, wie Deine Hand über das Papier gleitet, und dann kriege ich schon Zuckungen wie ein liebeskranker Aal. Ich sehe vor mir, wie Dir beim Schreiben die Haare in die Stirn fallen, und dann zapple und hechle ich schon wie ein… wie ein… ähm, darüber sprechen wir noch. Ich küsse die Luft um mich her. Liebe und Liebe und Liebe und Liebe. Deine Portia X (Nur ein X, denn Fantastillionen wären nicht annähernd genug.)“ Ist das nicht fantastisch? Warum liest man so etwas nur in Romanen?

Als der Metrobus endlich kam, und ich anlässlich der Fahrscheinkontrolle mein Buch zuklappte, dachte ich: Vielleicht sollte ich auch mal wieder einen verschwenderischen Brief schreiben. Als ich dann aber im überfüllten Metrobus stand und nicht weiterlesen konnte, weil ich mich festhalten musste, stellte ich mir die Frage: Wem soll ich eigentlich schreiben?

An der Haltestelle, an der ich dank des neuen Linienkonzepts der BVG nun täglich umsteigen und auf die Metro-Straßenbahn warten muss, suchte ich in meinem Roman nach Antworten. Die Antwort von Ned an Portia las sich so: „Meine liebste Portia, ich kann alles noch gar nicht fassen. Haben wir das wirklich erlebt? Ich muss immerzu an Dich denken. Und mir passieren laufend seltsame Sachen. Ich erzähl Dir alles genau, wenn wir uns wiedersehen. Wenn wir uns wiedersehen. Wenn wir uns wiedersehen. Ich liebe Dich hoch alles plus eins. Ned X.“

Als schließlich die Metro-Straßenbahn angezuckelt kam, und ich mein Buch in die Tasche steckte, weil auch die Bahn überfüllt war, kam mir eine Idee: Vielleicht sollte ich einen verschwenderisch ausführlichen Brief an die BVG schreiben.

Die Liebesbriefe kann man nachlesen im Roman „Der Sterne Tennisbälle“ von Stephen Fry, erschienen im Aufbau Taschenbuch Verlag.

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