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GYÖRGY KONRAD

Holocaust-Denkmal in Stadtmitte würde Antisemitismus schürenVON GYÖRGY KONRADEin Denkmal für die ermordeten europäischen Juden? Noch dazu ein zentrales? Im Interesse eines nachdenklich machenden Gedächtnisses hat die Stadt Berlin viel getan; die Fakten der Vernichtungsmaschinerie werden nicht verheimlicht.Dieses exakte Erinnern löst bei den jüdischen Besuchern der Stadt Anerkennung aus. Und in unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich Sachsenhausen, die Zentrale des nationalsozialistischen Gulag, mit seiner bruchstückhaft erhalten gebliebenen sachlichen Aussagekraft, im Zustand des Verfalls, instandsetzungsbedürftig.Es ist von Empfehlungen zu hören, wonach hier nur eine Wiese und ein See sein sollten; statt Historikern Gärtner, das Gedächtnis soll sich in die Höhe des Ästhetischen emporschwingen. Von der intellektuellen und politischen Mehrheit ist die Autonomie des Jüdischen Museums, die Erweiterung der Kompetenz für das europäische Judentum, bislang nicht unterstützt worden, obschon dies dem Andenken der Ermordeten tatsächlich geschuldet wird. Doch diese Megastatuen? Damit, sollten sie Wirklichkeit werden, errichten die Ausführenden nicht den erwähnten Juden ein Denkmal, sondern sich selbst. An wen richten sich diese bedrückenden, mahnenden und aggressiven Formen? An die Berliner? An die Besucher? Sollen wir spielen, einer befindet sich im KZ? Wer will, daß diese gigantischen Statuen an die ermordeten Juden erinnern? Sagen wir, an meine zarten und zierlichen, jedoch vergasten Cousinen? Sie waren nicht so.Mit ihnen hat diese Kunst nichts zu tun.Mit keinem einzigen der Opfer. Ein Diskussionspartner warf ein: "Aber es waren sechs Millionen!" Sollte die Statuen dann so groß sein wie sechs Millionen übereinandergeschichtete Leiber? Im Hof des Budapester Ghetto-Krankenhauses habe ich am 20.Januar 1945 einen Leichenberg gesehen, sich auftürmend bis zur Höhe des Flurfensters im ersten Stockwerk.Soll die Statue proportional eher zu jenem gefrorenen Haufen stehen als zu einem Kind? Manchmal beschleicht mich das Gefühl, daß dieses Denkmal in dieser Form von Leuten gewollt wird, deren Vorstellungskraft im Schwinden, während ihr Ego im Anschwellen begriffen ist. Es heißt, diese KZ-Modelle seien schön, lediglich zu groß.Dasselbe werde man vielleicht in verkleinerter Ausführung anfordern, um dem menschliche Ausmaße zu verleihen. In der Stadt wird es einen Platz geben, der nicht verlockend sein wird, mit pathetischen Formen, die nichts mit den Juden, sondern etwas mit dem Heute zu tun haben, mit den Initiatoren, den Politikern und den Künstlern, die allesamt den ihnen gebotenen Raum instinktiv mit sich selbst ausgefüllt haben. Das Werk wird großzügig sein und kostenintensiv, damit werden die Toten ausbezahlt, und die Angelegenheit wird abgeschlossen sein; ein neues Jahrtausend, eine neue Geschichte. Nochmals stelle ich die Frage: Warum wollen die Denkmalerrichter den getöteten Menschen eine rachsüchtige, feindselige und unangenehme Maske anlegen? Damit tun sie gerade das, was sie eigentlich nicht tun wollen: In der Mitte der Stadt schaffen sie eine entfremdende Fläche, die antisemitischen Empfindungen Nahrung gibt. Gegen den Willen einer Stadt erbaute Denkmäler besitzen im allgemeinen keine lange Lebensdauer.Dieses imaginäre Denkmal hat viele Menschen zum Nachdenken veranlaßt.Darin bestand sein Wert.Doch es mag noch auf sich warten lassen, ebenso wie im Glauben der umgebrachten Juden der Messias. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke

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