Zeitung Heute : Warten

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

Ich war in Steglitz groß einkaufen. Schließlich macht die Schloßstraße mehr her als das ehemalige Centrum-Warenhaus am Ostbahnhof (heißt jetzt Kaufhof). Steglitz hat Flair, auch wenn man nicht sofort erkennt, woran das liegt. An den Leuten nicht, denn die bleiben an Ampeln bei Rot stehen. Eine Regel, die in den Ostbezirken längst abgeschafft wurde. An der Bewirtung auch nicht, denn der Bierpinsel hat zugemacht. Nun gibt es kein neumodisch-altertümliches Restaurant mehr über den Dächern der Kaufhäuser. Das Steglitzer Flair hat andere Gründe: Es müssen wohl die Menschen sein, die dort arbeiten. Die haben die Ruhe weg. Und wer hat das schon heutzutage?

Da wäre zum Beispiel Herr Kärnbach. Der besitzt einen Laden für Tabak, Tabakpfeifen und Tabakpfeifenbehälter. Ein schöner Laden ist das, ohne jaulende Verkäuferinnen und jaulende Radiomusik. Herr Kärnbach steht den ganzen Tag in seinem Laden herum und bastelt an seinen Tabakpfeifen. Kunden schauen selten vorbei, deshalb konnte Herr Kärnbach irgendwann die hohe Miete nicht mehr zahlen. Ruhig und bescheiden wie er ist, zog er mit seinen Pfeifen auf die andere Straßenseite, wo es etwas billiger ist. In seinem alten Geschäft sitzt jetzt ein Zahnarzt, „das passt ja auch ganz gut“, meint Herr Kärnbach. Ist es nicht schön, wenn man allein so glücklich sein kann?

Ich kann allein nicht glücklich sein. Ich habe nicht die Ruhe weg. Nehmen wir nur den neuen Anzug, den ich mir im Herren-Kaufhaus Ansons an der Schloßstraße gekauft habe. Den wollte ich unbedingt zu einem Empfang am nächsten Tag anziehen, deshalb habe ich dem bedächtigen Verkäufer recht viel Hektik zugemutet. Er solle den Anzug ganz schnell bestellen, damit ich ihn noch probieren und die bedächtige Schneiderin noch rechtzeitig die Hosenbeine kürzen kann. Doch irgendwie verpasste ich den Abholtermin, der Empfang wurde auch abgesagt, und als ich wieder in der Schloßstraße vorbeikam, war der Anzug weg. „Wir hatten leider Inventur“, sagte der bedächtige Mann traurig. Die bedächtige Schneiderin tröstete ihn: „Wir suchen den Anzug mal.“ Nach einer Viertelstunde – ich schaute recht oft zur Uhr – war er wieder da. Die Schneiderin nahm noch einmal Maß und sagte: „Sie können den Anzug in einer halben Stunde abholen.“ Oh Gott, dachte ich da, eine halbe Stunde!

Was soll ich bloß mit so viel Zeit anfangen? Da sah ich auf der Straße drei blaue Buchstaben blinken: W, O und M. Die stehen für World of Music – ein Musikgeschäft, das ich längst für pleite gehalten habe. Aber denkste, bei WOM gibt es alles. In den gelben Regalen stehen sogar Musikkassetten und Schallplatten herum, damit das Moderne auch sein altertümliches Flair bekommt. Ach, wie schön war diese halbe Stunde zwischen den gelben Regalen, mit alten Platten im Blick und ruhiger, trauriger Musik der Band „Coldplay“ in den Ohren. So stand ich da. Und nach dem letzten traurigen Lied hatte ich die Ruhe weg. Ich war glücklich, allein in Steglitz.

Die neue Scheibe von Coldplay heißt „A rush of blood to the head“, das letzte Lied heißt Amsterdam. WOM gibt’s an der Schloßstraße und, kaum zu glauben, im ehemaligen Centrum-Warenhaus am Ostbahnhof.

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