Zeitung Heute : Warteraum für den Weltuntergang

11.12.2001 00:00 UhrVon Tim Pröse

Das Sofa aus dem Wohnzimmer des Bundespräsidenten tragen sie hinaus. Auch das Kreuz aus dem "Gottesdienstraum" bauen die Handwerker ab. Sie karren die Herz-Lungen-Maschine aus dem Operationssaal, die Spiegel aus dem Friseursalon. Paul Groß, der technische Leiter der "Dienststelle Marienthal", des größten Atombunkers der Welt, führt ein letztes Mal durch das Labyrinth mit seinen 19 Kilometer langen Verbindungstunnels: Es verbirgt sich unter den Weinbergen des Ahrtals bei Bonn. 40 Jahre lang war es streng geheim.

An diesem Ort sollten die 3000 "wichtigsten" Deutschen die Reste der Republik nach einem atomaren Angriff noch 30 Tage lang regieren, so lange hätten die Vorräte gereicht.

Dann wäre auch hier unten Schluss gewesen. Der Bundeskanzler und der Bundespräsident, die Mitglieder der Bundesregierung, des Bundestags und -rats sowie "ausgewählte Vertreter" der Bundeswehr und Bundesbank sollten hier Zuflucht finden. Welche Würdenträger des Militärs oder der Finanzmacht im Einzelnen zu den Auserwählten gehört hätten, ist bis heute Geheimsache. Nur so viel ist bekannt: Sie alle hätten hier nur ohne ihre Ehepartner oder Familien Einlass gefunden.

Passiert man einen der Notausgänge, schlängeln sich Wasseradern durch das weiche Schiefergestein der Berge. Dann schmeckt die Luft nach Moder in diesem gespenstischen Gebäude mit seinen 83 000 Quadratmetern Fläche, 897 Büros und 939 Schlafzimmern. 110 Meter darüber wächst das Leben, wenn auch gerade vom Frost geschockt: Rotwein, Spätburgunder. Tief darunter alle zwei Jahre das gleiche Szenario: Militärs, Staatssekretäre und einige Abgeordnete rücken während der regelmäßigen "Wintex"-Natoübungen in den Bunker ein, proben dort die Notstandsregierung. Sogar Helmut Schmidt und Ludwig Erhard haben einst "Marienthal" besucht, und auch sie wurden aufs Schweigen vereidigt. Wie alle anderen Politiker, die deshalb bestreiten, je hier gewesen zu sein? Oder, weil es ihnen wie den meisten Besuchern erging, weil sie sich das Unvorstellbare nicht vorstellen konnten oder wollten? Bei jedem Schritt macht sich Beklemmung breit.

Eigentlich wollte das Bundesinnenministerium dieses Relikt des Kalten Krieges im Oktober 2001 schließen. Die 367 000 Kubikmeter unter den Weinbergen sollten der Natur zurückgegeben werden. Doch nach dem 11. September ist man auch hier mit der "veränderten Sicherheitslage" konfrontiert. Auf Initiative des CDU-Bundestagsabgeordneten Wilhelm-Josef Sebastian wurde die Vorbereitungen für den 63 Millionen Mark teuren Rückbau erst einmal gestoppt. Eine Kommission des Bundesinnenministeriums rückte an, nahm das Titanenwerk bei Bonn unter die Lupe und legte ein Gutachten vor, das Otto Schily nun zu prüfen hat. Noch ist seine Entscheidung unbekannt, aber manch einer beginnt schon wieder zu hoffen: "Vielleicht braucht man unsere Dienststelle ja doch noch", sagt Paul Groß, der technische Leiter.

Eine dunkle Geschichte

Ein Hauptproblem gibt es allerdings: Die "Dienststelle" ist vom neuen Regierungssitz Berlin allzu weit entfernt. Deshalb müsste in der Hauptstadt eigentlich ein neuer Bunker gebaut werden, so schreiben es zumindest die Vereinbarungen mit der Nato vor. Wo er stehen wird, ob es ihn längst gibt, wie teuer er ist? So bizarr es heute klingt, aber es gilt tatsächlich auch hier "geheime Kommando-Sache" - wie damals für die "Dienststelle".

Dabei sollten eigentlich die letzten Beamten längst aus dem Bau bei Bonn verschwunden sein. Nichts sollte an den 1972 fertig gestellten und - nach der Berliner Mauer - größten Überrest des Kalten Krieges erinnern. Und schon gar nichts an die noch dunklere Geschichte des Gebäudes: Zwangsarbeiter der Nationalsozialisten mussten unter diesem Berg für Hitler die V2-Raketen bauen. Und der erste Sicherheitsbeamte "Marienthals", so erzählen sich die Beamten, soll ein gewisser Erich Priebke gewesen sein. Der ehemalige SS-Hauptsturmführer wurde 1998 in Rom zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er 1944 die Erschießung von 335 Zivilisten in den ardeatinischen Höhlen befehligt hatte.

Gerne hätte sich der Bund seiner Bunker-Altlast schon viel früher entledigt. Lange suchte das zuständige Bundesvermögensamt in Koblenz nach einem Käufer, vergebens. Der Holländer Hennie von der Most, der auch das "Kernwasser-Wunderland" im stillgelegten Schnellen Brüter in Kalkar betreibt, wollte ursprünglich auch "Marienthal" zum Erlebnispark umbauen - zu teuer. Andere Investoren dachten an Champignonzucht oder an ein Depot für die neuen Euro-Münzen.

Paul Groß redet noch heute vom atomaren Ernstfall mit einer lange geübten Lässigkeit: "Und hier wären die Gummisicherungen für die Druckwelle gewesen", sagt er. Dann drückt er einen Knopf, und eine 25 Tonnen schwere Beton- und Stahlschleuse saugt sich ins Schloss. Dazu das metallische Dröhnen einer alten Sirene. "Das Schlimmste am Ernstfall wäre gewesen, dass ich Frau und Kinder hätte draußen lassen müssen", sagt Groß. "Bitte fragen Sie mich nicht, was nach den 30 Tagen gewesen wäre, ich weiß es nicht."

Das Bett des Kanzlers

Nicht 30 Tage, sondern 30 Jahre lang musste Groß mit diesem Horror-Szenario, für dessen reibungslosen Ablauf er tagtäglich Verantwortung trug, allein fertig werden. Auch mit seiner Angst. Seiner Frau Regina und seinem Sohn Christoph durfte er nichts von seiner Arbeit erzählen. So wie jeder Handwerker, der auch nur eine Schraube in der "Dienststelle" nachzog, wurde Groß zur Garantie seiner absoluten Verschwiegenheit vereidigt. So wie alle 180 Mitarbeiter, von denen heute nur noch eine Handvoll am Ort sind, schworen sie mit erhobener Hand, das Geheimnis des Kalten Krieges zu wahren. Ein Aufkleber aus alten Zeiten klebt noch an der Eingangsschleuse, auf ihm steht: "Man liebt den Verrat, nicht den Verräter."

Nun haben die Handwerker auch das berühmteste Bett des Bunkers ungenutzt weggetragen: die Metallpritsche für den Bundeskanzler. Darauf eine 80 Zentimeter breite Matratze. Original Bundeswehr-Inventar. Sieben Quadratmeter misst die natogrüne Einzelzelle. Neben dem Bett das Telefon, rot ist es nicht, dafür im grauen 70er-Jahre-Design. Um die Ecke Kanzler-Klo und -Dusche. Eine Badewanne gab es nur für den Bundespräsidenten. Der sollte nebenan überleben. In seinem Wohnzimmer mit einer himbeerfarbenen Couch.

Die Politiker, die zu Übungszwecken hierher kamen, schliefen zwei Wochen lang in Jugendherbergs-Etagenbetten, die mittlerweile - eine Ironie der Geschichte - ins kommunistische Kuba verfrachtet worden sind. Die Gerätschaften aus den fünf Operationssälen gingen in den Kosovo. In den vergangenen Wochen wurde auch in der Bunkerkantine klar Schiff gemacht, Töpfe und Öfen der fünf Großküchen sind verpackt.

Die Schlafräume der 3000 Auserwählten hatten keine Bäder wie jene des Kanzlers und des Präsidenten. Aber in allen hingen mutmachende Bilder, entweder von Meereshorizonten oder Alpen-Panoramen - zweidimensionale vorgetäuschte Weitsicht für die Eingesperrten. Daneben die Vorratskammern. 100 000 "Epa"-Nahrungspakete der Bundeswehr, die sonst Rekruten während ihrer ersten Geländeeinsätze bekommen: mit eingeschweißtem, getrockneten Schweinebraten, 25 Jahre haltbar.

Im Maschinenraum lagerten 3,2 Millionen Liter Dieselöl für die Rotoren und Filter der ABC-Entgiftungsanlage, die unverstrahlte Luft in den Bunker quirlen sollte. Nach einem Monat wäre auch sie knapp geworden. "Im Notfall 112 wählen" steht wie zur Ironie auf den gelben Hinweisschildern im Gang. Welche Feuerwehr der Welt hätte diesen Weltenbrand löschen, hätte helfen können?

Vorbei wäre es auch mit den Planspielen im natogrünen Plenarsaal des Not-Kabinetts gewesen. Noch kleben die orangefarbenen Magnet-Plättchen an der Metalltafel, eine Weltkarte in den Grenzen des Kalten Krieges. Auf ihr ist noch der alte Riss eingezeichnet, der Deutschland teilte. Die Plättchen links und rechts neben der Grenze stehen für die "Erstschläge" und die "Gegenschläge". Unter Tage übten die Militärs, was über Tage passieren würde, wenn die Atompilze den Himmel verdunkelten. Nicht wenige Menschen fanden das alles sehr erstaunlich, als sie am 8. Dezember 1997 von der Existenz der "Dienststelle" erfuhren: Damals beschloss der Bundestag, "Marienthal" nicht länger geheim zu halten - und ordnete gleichzeitig die Schließung an.

Bis heute aber erinnert kein anderes Bauwerk so anschaulich an die 70er und 80er Jahre in der Bundesrepublik, kaum ein anderes ist so exakt durchdacht worden. Als Deutschland noch Ziel- und Drehscheibe des Wettrüstens war. Als man sich fragte, wie lange die Pershings oder SS-20 brauchen, bis sie, von deutschem Boden gestartet, auf deutschen Boden getroffen wären. Zehn Minuten? Oder 20 Minuten? Auf jeden Fall zu wenig Zeit für die Minister und Staatssekretäre, um per Regierungsmaschine direkt vor dem Ost-Eingang des Bunkers zu landen. Mitten auf der A 6. Sie wurde vorsorglich ohne Mittelstreifen und Leitplanke gebaut - und sollte als Rollbahn in den rettenden Untergang dienen.

Spuren des Lebens

Der Verteidigungsminister wäre dann in den Raum 02/54 gezogen. Diese Kammer mit den drei Diensttelefonen nannten die "Dienststellen"-Mitarbeiter den "Rosengarten" - benannt nach dem Dolomiten-Berg, in dem der Sage nach Zwergenkönig Laurin seine Gegner in einen Irrgarten führte. Und dem gelang, was die 3000 "wichtigsten" Deutschen in diesem Labyrinth hier gewiss nicht geschafft hätten: Er soll seine Gegner überlistet haben.

An einen Rosengarten erinnert heute nur noch ein Blumenbild in schrillen Farben der 70er Jahre, das die Angestellten an die Wand gehängt haben. Darunter haben sie den Spruch geklebt: "Solange wir leben, sterben wir."

Sonst finden sich wenige Spuren von Leben. Ein Plastikblumenstrauß verstaubt seit 30 Jahren in der Pausen-Ecke, neben den Spinden der Angestellten, deren Innentüren dralle Busenschönheiten der Hippie-Zeit zieren. Daneben, auf einer Pinnwand aus Kork, stecken Fotos ehemaliger Mitarbeiter, vergilbt und schwarzweiß. Die Bilder der inzwischen Verstorbenen sind mit Edding-Kreuzen gekennzeichnet. Sie haben niemandem von ihrer Arbeit erzählen können, nicht ihren Frauen und auch nicht der neuen Generation, die den Kalten Krieg nur noch vom Hörensagen kennt. Die alten Bunker-Beamten haben das Geheimnis der "Dienststelle" mit ins Grab genommen.

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