Zeitung Heute : Warum Amerikaner Europäer nicht verstehen

Jeffrey Gedmin

Von Jeffrey Gedmin

Was haben das Klimaschutzprotokoll von Kyoto und der Irak gemeinsam? Beide Themen haben das deutsch-amerikanische Verhältnis schwer beschädigt. Die Art, wie George W. Bush mit dem Kyoto-Protokoll umgegangen ist, hat die schlimmsten Befürchtungen und Vorurteile gegenüber Amerika – und ganz konkret gegenüber dem Präsidenten selbst – wiederbelebt. Im besten Fall gelingt es der US-Außenpolitik, die eigenen Interessen mit denen anderer Staaten und dem gemeinsamen Wertesystem in Einklang zu bringen. Kyoto war das Gegenteil: Arroganz, Engstirnigkeit und der so gefürchtete Unilateralismus auf Kosten anderer.

Nicht anders jedoch Gerhard Schröder. Indem der Bundeskanzler dogmatisch Nein zu einer Intervention im Irak sagt, egal ob multilateral oder mit einem UN-Mandat, und scheinbar ohne Rücksicht auf das, was Hans Blix und seine UN-Waffeninspekteure am Montag berichten werden, belebt Schröder ebenfalls Ängste: auf amerikanischer Seite. Ängste vor Antiamerikanismus, deutschem Nationalismus und unverantwortlichem, kindlichem Pazifismus. Bush und Schröder haben noch etwas gemeinsam. Beide ignorieren die Folgen, die ihre Sprache, ihr Stil und ihr symbolhaftes Handeln haben. Schade.

Wenn ein bilaterales Verhältnis so schwer beschädigt wird, kann das ebenso viel Einfluss auf die internationalen Beziehungen haben wie die Politik selbst oder die Ideologie. Warum aber gehen die neuen Wunden so tief? In der Vergangenheit haben wir eng zusammengearbeitet. Wir sind in all den Jahren Verbündete gewesen. Auch jetzt stellt Deutschland in Afghanistan Truppen, setzt mit den USA Recht und Ordnung durch und kooperiert in Geheimdienstangelegenheiten. Kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen blühen. Zudem hat der arme US-Präsident George W. dazu aufgerufen, unser Budget für Entwicklungshilfe substanziell zu erhöhen, hat den Kongress gebeten, die Schulden bei den UN zu begleichen, hat angekündigt, dass die USA die Unesco wieder unterstützen, und will die US-Truppen auf dem Balkan belassen. Weiterhin hat Bush für eine enge Zusammenarbeit mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gesorgt, hat eine multilaterale, rund 90 Nationen umfassende Koalition für den Kampf gegen das Taliban-Regime in Afghanistan geschmiedet und den Fall Irak vor die Vereinten Nationen gebracht! Und doch wäre ich reich, wenn mir jeder Deutsche einen Euro gäbe, der sagt: „Ich bin nicht antiamerikanisch, ich liebe die USA, aber ich hasse George W. Bush, der Mann ist eine Katastrophe.“ Da ist eine greifbare, nostalgische Sehnsucht nach Bill Clinton, obwohl der Mann die Todesstrafe befürwortet, den Vertrag über die Ächtung von Landminen abgelehnt und eine Aspirin-Fabrik im Sudan bombardiert hat.

Bush und Schröder werden irgendwann abtreten. Ebenso wie Saddam Hussein. Wir aber müssen mit den neuen Bedingungen unserer Partnerschaft zurechtkommen. Kyoto, Irak und die anderen transatlantischen Themen gehören sicherlich in einen größeren Kontext: Beide Seiten handeln die Grundlagen ihrer Beziehungen neu aus.

Der Fall der Berliner Mauer hat den Europäern – und vielleicht speziell den Deutschen – gezeigt, dass sie weniger abhängig von uns sein werden. Wir Amerikaner haben wahrscheinlich unterschätzt, wie oft die Deutschen schwer daran zu schlucken hatten, wie Amerika im Kalten Krieg die Prioritäten setzte. Sie waren der Juniorpartner: Ihr Spielraum war eingeschränkt. Der 11. September hat wiederum uns Amerikanern gezeigt, dass auch wir unabhängiger von unseren Freunden in Europa geworden sind im Blick auf die weltweiten Herausforderungen, die jetzt vor uns liegen. Das bedeutet noch keinen Alleingang Amerikas, keinen Unilateralismus. Es bedeutet, dass Amerika zeitweise den Weg mit anderen geht. Ob wohl das der Grund der derzeitigen Frustration ist?

Mag sein, dass wir im Irak Probleme bekommen und uns festfahren. Aber was, wenn es nicht so kommt? Wenn es gelingt, Saddam Hussein zu entwaffnen und mit den Irakern eine anständigere und verlässlichere Regierung aufzubauen – als neues Erfolgsmodell für die Region? Was, wenn wir es mit anderen Partnern schaffen und die Deutschen allein zu Hause bleiben? Wir sind bereit, das zu akzeptieren. Keine Schikanen und Befehle vom Großen Bruder mehr, okay?

Der Autor ist Direktor des Aspen Instituts in Berlin.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar