Zeitung Heute : Warum ein Kreditnehmer nicht die Zinsen bekam, die eine Bank in Aussicht stellte, und warum das üblich ist

Ralf Schönball

Kein Verlass ist auf Kredithäuser. Zu diesem Urteil fühlte sich der Angestellte Dieter Eckstein (Name von der Redaktion geändert) veranlasst, als er nach langem Ringen seine Unterschrift unter einen Kreditvertrag setzte. Dass am Ende nicht alles gut wurde, was lange währte, lag an plötzlich veränderten Zinskonditionen. Obwohl Eckstein einen Antrag über günstige Kreditkosten unterschrieben hatte, muss er heute höhere Zinsen bezahlen. Das ist kein Einzelfall im Kreditgewerbe, weiß das Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg. So ist das Beispiel Eckstein eine lehrreiche Mahnung an Kreditnehmer, umsichtig ihre Verschuldung in Angriff zu nehmen.

"Der Sachbearbeiter der BHW hatte mir eine Frist gesetzt, den Antrag zu unterschreiben", sagt Dieter Eckstein. Halte er die Frist ein, dann bekomme er den beantragten Zinssatz, sei ihm versprochen worden. Eckstein benötigte eine Anschlussfinanzierung für seine Eigentumswohnung, da die ersten fünf Jahre ins Land gestrichen waren und ihm noch eine Restschuld von 60 000 Mark zu tilgen blieb. Da Eckstein bereits die erste Finanzierungsstrecke in gutem Einvernehmen mit der BHW überbrückt hatte, und das Institut erneut günstige Konditionen bot, sprach wenig für einen Wechsel des Finanzierers. Zumal Eckstein in diesem Fall wohl erneut Bearbeitungsgebühren und Schätzkosten hätte bezahlen müssen. Diese Nebenkosten wären so hoch gewesen, dass kaum eine Geldhaus sie durch günstigere Zinsen hätte auffangen können. "Da mir zudem der Mitarbeiter eine Zusage zum Zinssatz von 5,70 Prozent gemacht hatte, habe ich mich gar nicht weiter nach anderen Anbietern umgesehen", sagt Eckstein.

Also unterschrieb er den Darlehensantrag. Dann harrte er der Dinge, die da auf ihn zukamen. Doch es geschah nichts. Keine Bestätigung, keine Rückmeldung. Erst einen Monat später bekam Eckstein einen Darlehensvertrag zugesandt. Das Problem: Die BHW-Zentrale in Hameln bot ihm einen Zinssatz von 6,15 Prozent an. Fast ein halber Prozentpunkt mehr, als auf seinem Darlehensantrag festgehalten war. Eckstein rief das Berliner BHW-Büro an. Die Mitarbeiter verwiesen ihn nach Hameln. Dort habe man ihm dann mitgeteilt, dass Berlin für ihn zuständig sei. Eckstein fühlte sich hin- und hergeschoben. Die am Telefon gesprochenen Sachbearbeiter verwiesen auf die höheren Zinsen am Kapitalmarkt. Sie erlaubten es nicht, einen Kredit zu den im Antrag notierten 5,7 Prozent zu vergeben.

Eckstein gab nicht auf. Er telefonierte und schrieb. Und verbuchte schließlich einen Teilerfolg: Der Bezirksdirektor der BHW in Berlin gewährte ihm einen Kredit zum Zinssatz von 5,95 Prozent. Bezogen auf die Laufzeit von zehn Jahren kostet Eckstein dieser Kredit 1400 DM mehr, als er eingeplant hatte. Das Doppelte dieser Summe wäre es gewesen, wenn die BHW-Berlin ihm nicht entgegen gekommen wäre und darauf bestanden hätte, 6,15 Prozent zu erhalten. "Die ungeplanten Zusatzkosten mögen ja nicht hoch sein, aber was wäre gewesen, wenn ich mehrere Hunderttausend Mark von der Bank abgerufen hätte", fragt Eckstein.

Dass Ecksteins Hartnäckigkeit zum Ziel führte, war allerdings auch der Kulanz in den Reihen der Berliner BHW zu danken. Verpflichtet war das Institut nicht, Eckstein entgegen zu kommen. Der Angestellte hatte lediglich einen Antrag gestellt: "Rechtlich betrachtet sind die Banken in solchen Fällen im Recht", sagt Ulrich Krüger. Er ist Rechtsanwalt beim Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg. Das private Forschungsinstitut begutachtet Finanzprodukte, und Krüger sind Vorfälle dieser Art geläufig. In Deutschland regle das Zivilrecht es so, dass der Kunde einen Antrag stelle und die Kreditinstitute darauf mit einem verbindlichen Angebot reagierten. Die Krux bei der Sache: Rechtlich könne der Kunde ein solches Angebot nicht mehr ausschlagen.

"Das wirft nicht gerade ein gutes Bild auf die Banken", sagt Krüger. Tatsächlich sei dadurch der Wettbewerb ausgehebelt. Denn wenn ein Kunde mehrere Anträge stelle, bekomme er mehrere Angebote, die er dann nicht mehr ausschlagen könne - zumindest wenn die Geldhäuser sich auf ihre Statuten zurückzögen. "In Frankreich ist die Gesetzeslage anders", sagt Krüger. Dort gäben die Banken Angebote ab, und diese seien ein bis zwei Wochen rechtsverbindlich. Einen möglichen Ausweg sieht Krüger aber auch hierzulande darin, "rechtsverbindliche Angebote" von Geldhäusern abzufragen. Allerdings gingen nicht alle Banken auf solche Wünsche ein. Am ehesten seien die Institute dazu noch bei Großkunden bereit.

Für Jürgen Kunstorf, BHW-Bezirksdirektor Berlin, lag das Problem im Fall Eckstein auch darin, dass "in der besagten Zeit die Zinsen auf dem Kapitalmarkt täglich gesprungen sind". Wenn aber in der Zeit zwischen Antragsabgabe und Bewilligung durch den Sachbearbeiter die Kreditkosten am Kapitalmarkt steigen, dann könne auch ein Finanzierer nicht alte Zinsen halten. Schließlich müsse auch eine Bank ihr Geld "kaufen" und bezahle dafür die zum Zeitpunkt dieser Refinanzierung fälligen Preise. "Natürlich war es weder für den Kunden, noch für unser Unternehmen befriedigend, dass wir aufgrund dieser hektischen Zinsphase nur 6,15 Prozent anbieten konnten", so Kunstorf. Deshalb habe er schließlich den Abschlag von 0,2 Prozent vorgenommen. "Am Ende hat uns das Ganze mehr gekostet als es eingebracht hat", so der BHW-Chef in Berlin.

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