Zeitung Heute : Warum Europäer Amerikaner nicht verstehen

Robert Birnbaum

Von Robert Birnbaum

Wir sind groß geworden mit Amerika. Wir haben als Kinder Donald Duck gelesen, „Flipper“ geguckt und „Bonanza“, Disney und Hollywood. Wir haben die Mondrakete Saturn V als Plastikmodell aufgebaut. Es kam Vietnam, aber auch McDonalds. Wir haben alles in allem zu wissen geglaubt, was Amerika ist. Als ich, kurz nach dem Studium, zum ersten Mal rübergeflogen bin, ist mir aufgegangen, wie wenig wir verstanden. Von meiner Heimatstadt bis zur Zonengrenze waren es keine zwei Stunden mit dem Auto. Von New York bis zur Westspitze Europas fliegt ein Flugzeug sechs Stunden lang über nichts als Wasser. Deutschland ist ein Land, Europa sind Länder. Amerika ist ein Kontinent: terra continens, abgeschlossene Landmasse.

Man kann die Unterschiede, die sich daraus in den Denk- und Wahrnehmungsstrukturen ergeben, gar nicht überschätzen. Wir haben gelesen, dass für die USA der 11. September ein Schock war. Er war für uns auch ein Schock, ja. Aber dass drüben vom Erlebnis der Verwundbarkeit die Rede war, dass die Welt nun mit völlig anderen Augen zu sehen sei – das haben wir, wenn wir ehrlich sind, nicht ganz verstanden.

Wir haben hier nämlich 40 Jahre in der Zone verbracht, in der nach aller damaligen Wahrscheinlichkeit der Weltuntergang anfangen würde. Das hat uns gelehrt, Gefahren nicht digital zu sehen – es gibt sie oder es gibt sie nicht, und man kann sie angeknipst lassen oder sie ausschalten –, sondern in Hierarchien der Gefahr zu denken: Es gibt größere und kleinere, es gibt akute und weniger akute, und es gibt Gefahren, die erst dadurch entstehen, dass man eine Gefahr mit falschen Mitteln abwehrt. Für Europas Praktiker der Politik ist das zentrale Denkschema über Jahrhunderte das der Balance gewesen. Dass Saddam Hussein gefährlich ist – geschenkt. Aber ist er wirklich so gefährlich?

Der zweite Unterschied betrifft das Pathos. Wenn hier zu Lande einer eine „Achse des Bösen“ ausrufen würde, wäre er von Stund an ein Fall für die parlamentarische Hinterbank. Wenn einer behaupten würde, er werde jetzt den Kampf gegen diese Achse aufnehmen, und nach einer ungewissen, aber doch begrenzten Zeit das Böse wenn nicht ausgerottet, so doch unschädlich gemacht haben, wäre sein Verbleib nicht mal auf der Hinterbank sicher. Das glauben wir einfach nicht. Unsere Geschichte hat uns Misstrauen gelehrt. Europa ist getränkt von Blut, vergossen für die gerade aktuelle gute Sache. Der vermutlich einzige Krieg, auf dessen Einstufung als gerecht sich die ganze Alte Welt einigen kann, war der gegen Hitler-Deutschland. Aber damit ist auch der Maßstab gesetzt, der allenfalls die Ausnahme zulässt.

Daraus erwächst ein Drittes. Es gibt in Europa, speziell aber in Deutschland keine Möglichkeit, ausschließlich pragmatisch über eigene Interessen und Zweck-Mittel-Relationen zu deren Durchsetzung zu reden. Jede dieser Abwägungen wird durch Moral überlagert. Wer etwa die Frage stellt, ob es für das Überleben der Hochindustriestaaten des Westens nicht unumgänglich ist, gewisse Herde der Instabilität in der Golfregion auszuschalten, bekommt sofort ein kategorisches „Kein Blut für Öl“ zu hören. Darum dringt der Versuch Amerikas, gemeinsame Interessen zu beschwören, meist gar nicht durch; in Deutschland am wenigsten. Machiavelli wird bei uns nicht als der Realist wahrgenommen, der er auch war, sondern nur als gewissenloser Schurke.

All diese Elemente kommen in der heutigen Situation zusammen. Ein ranghohes deutsches Regierungsmitglied hat unlängst von einer Unterredung mit einem ranghohen amerikanischen Gegenüber erzählt, in deren Verlauf er den Mann aus Washington gefragt hat, wie denn die Strategie der USA für den Irak nach einem Krieg aussehe. „Das werden wir sehen, wenn es so weit ist“, war die Antwort. Den Deutschen hat das nachhaltig erschüttert. Er hat die Auskunft als Beleg für seinen Verdacht gedeutet, dass der Amerikaner nicht weiß, was er tut. Auf die Idee, dass der andere die Komplexität des Problems sehr wohl sieht, genau deshalb noch keine Antwort weiß und sich dadurch trotzdem nicht vom Handeln abhalten lassen will, ist er nicht gekommen. Wir, die wir noch bei der Novelle der Gewässergüteverordnung die Folgen für die Beziehungen zum Rhein-Anlieger Schweiz bedenken müssen, können uns Experimente mit allzu ungewissem Ausgang nicht leisten. Solche im Weltmaßstab erst recht nicht. Deshalb wollen wir Amerika manchmal gar nicht verstehen.

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