Zeitung Heute : Warum fließt das Wasser in England aus zwei Hähnen?

Verena Mayer

Einheit ist in England oft eine Sache von Zweiheit. Zum Beispiel, was die Klassengesellschaft, das Parteiensystem oder die Wasserversorgung betrifft. So klar wie die Trennung von Ober- und Unterschicht, so unvereinbar wie Labour und Tories – so sicher kommt das Wasser in England aus verschiedenen Hähnen, das heiße aus dem einen, das kalte aus dem anderen. Am einen kriegt man blaue Finger, das Wasser aus dem anderen ist so heiß, dass man Tee damit aufbrühen könnte.

Für den Kontinentaleuropäer sind englische Häuser ja generell Wechselbäder der Temperaturen. Geheizt wird meistens nur ein Zimmer, die anderen Räume sind eiskalt. Dafür haben die Badezimmer einen Teppichboden. In den englischen Häusern liegt auch das Rätsel der Wasserhähne verborgen. Man muss dafür unters Dach. Dort befinden sich die Vorratstanks, aus denen das warme Wasser kommt. Doch diese Tanks stehen, anders als in den meisten Haushalten auf dem Kontinent, nicht unter Druck. Der Druck in der Wasserleitung entsteht also allein durch den Höhenunterschied. Da Einfamilienhäuser im Gegensatz zu Wassertürmen oder Hochquellwasserleitungen nicht sehr hoch sind, ist der Druck, der zustande kommt, nicht sehr groß. Das heiße Wasser tröpfelt von vornherein nicht besonders stark aus der Leitung. Und da kaltes Wasser schwerer ist als warmes, müsste man erst sehr lange regeln, wenn man nur einen Hahn hätte. Behaupten zumindest die Engländer.

Eine andere Erklärung lautet, dass die Heißwassertanks früher nicht ganz sauber waren, es also den kalten Hahn gab, um daraus zu trinken. Das kann aber auch ein missgünstiges kontinentaleuropäisches Gerücht sein, die Antwort auf den Britenrabatt gewissermaßen. Jedenfalls findet man in England inzwischen so genannte Scheinmischarmaturen. Die sehen aus wie ein normaler Wasserhahn, haben aber zwei getrennte Leitungen, die bis vorne in den Hahn geführt sind, entweder nebeneinander oder ineinander.

Die Briten haben übrigens eine wassersparende Art entwickelt, aus der Zweiheit eine lauwarme Einheit zu machen. Sie mischen sich im Waschbecken ein Pfützchen und machen das, was man früher „Katzenwäsche“ nannte. Warum allerdings die Kaltwasserhähne in manchen englischen Bed- and Breakfasts, ähnlich wie beim Verkehr in England, auf der falschen Seite sind, ist damit noch nicht geklärt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar