Zeitung Heute : Warum gibt es in Asien keine Tapete?

Anna Kemper

Ist man in Peking auf eine Party eingeladen, dann sollte man höllisch aufpassen, dass man sich nicht in einem unbedachten Moment der Müdigkeit an die Wand lehnt. Denn wenn man sich danach ein neues Yanjing-Bier holen will, dann kann es sein, dass die Blicke der Gäste sich auf den Rücken heften – dort hat nämlich die Wandfarbe sichtbar ihre Spuren hinterlassen.

Denn an den Wänden der meisten Wohnungen in Peking kleben keine Tapeten, sie sind lediglich mit Kreidefarbe gestrichen – wie in fast allen asiatischen Ländern. Dabei kommen Tapeten ursprünglich aus China: Schon ab dem 4. Jahrhundert lösten dort Papiertapeten kostbar bestickte Seidenbahnen ab.

Erst im frühen 17. Jahrhundert kamen handbemalte Papiertapeten aus China nach Europa, wo bis dahin Stoffe oder Leder die Wände schmückten. Zunächst waren sie Luxus, doch als man in Europa mit der eigenen Tapetenproduktion begann, setzten sich die Papierbahnen als günstige Alternative durch. Die chinesischen Muster verschwanden – und in europäischen Häusern klebte fortan die Tapete direkt auf der Wand.

In China dagegen wurde das Papier nicht geklebt, sondern auf Holzrahmen gezogen und vor die Wände gespannt, erklärt Dr. Klaus Hesse, Ethnologe an der FU Berlin. Da die Wände der Häuser aus Holz waren, wäre ein gleichmäßiges Aufkleben auch gar nicht möglich gewesen. Durch die vorgespannten Reispapiere wirkte die Wand glatt, die Rahmen dienten manchmal auch als Schiebetüren oder gleich als Wände innerhalb der Wohnung.

Direkt auf die Wand geklebt hat man die Tapete in Asien nie, weder in China noch in Japan oder Indien. In Indien, so Klaus Hesse, hat das religiöse Gründe: „Die Inder empfinden Kleister als Sauerei, weil er ja nichts anderes als Tierknochenmehl ist“.

Heute findet man den Wandschmuck aus Papier nur in traditionellen asiatischen Hölzhäusern. In modernen chinesischen Wohnungen mit steinernen Wänden sind die Spannrahmen nicht mehr nötig, die Wände werden einfach verputzt und dann mit Kreidefarbe gestrichen, die eben bei jeder Berührung abfärbt.

Für die Party in Peking bleiben also zwei Möglichkeiten. Entweder: Nicht anlehnen. Oder: Den Gastgeber vorher nach der Farbe der Wand fragen – und dann die Garderobe einfach farblich abstimmen.

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