Zeitung Heute : Warum gibt es kein Erdgeschoss in den USA?

Jan Oberländer

Wenn der mitteleuropäische Reisende ein amerikanisches Gebäude betritt, dann steht er in der ersten Etage. Und wundert sich. Warum heißt das Erdgeschoss in den Vereinigten Staaten eigentlich 1st floor, während man daheim erst eine Treppe erklimmen muss, um den ersten Stock zu erreichen? Hier zu Lande werden Stockwerke ja eher wie Lebensjahre beziffert: Erst mit Vollendung eines Abschnitts kommt eine Zahl hinzu. Den Amerikanern ist das zu kompliziert. Sie sind Menschen, die einander selbstverständlich beim Vornamen nennen und in Städten leben, deren Straßennetz rasterartig aufgebaut ist, wo jede Straßenecke eindeutig bezeichnet werden kann.

Darum verstehen ihre Experten auch die Frage nach den Ursprüngen ihres Etagenzählsystems nicht: „It just makes sense!“ Wo man den Fuß hineinsetzt, dort beginnt man zu zählen, logisch. In Deutschland dagegen ist man der italienisch-französischen Tradition verbunden, die einen großen Unterschied macht zwischen dem profanen Parterre und dem Hauptgeschoss des Hauses, dem ersten Obergeschoss. Hier, in der beletage, dem piano nobile, lagen die Renommierräume der adeligen und später der bürgerlichen Herrschaften. Auch in Amerika nutzte die Oberschicht ab Mitte des 17. Jahrhunderts ihre Häuser zu Repräsentationszwecken; die Prachtgemächer aber lagen im Erdgeschoss. Kurioserweise war es in der Zeit des Kalten Kriegs das Etagenzählsystem, das die USA und die UdSSR verband. Auch in der Sowjetunion hieß das Erdgeschoss pervyj etaž, erste Etage. Die DDR machte es dem großen Bruder nach.

Nun hat jedoch auch der amerikanische Pragmatismus Grenzen. So ist das alte Ritz-Carlton in Philadelphia bei seiner Renovierung in den 90er Jahren nominell um eine Etage gewachsen; der 13. Stock wird nicht mehr mitgezählt. Wie bei vielen Hochhäusern in den USA kommt man nun vom 12th geradewegs auf den 14th floor. Auch in Deutschland haben große Hoteltürme keine 13. Etage und keine 13 in den Zimmernummern. Fred Stitt, Direktor des San Francisco Institute of Architecture, meint allerdings, dass man ehrlicherweise den 13th floor komplett dicht machen müsste, anstatt ihn einfach umzubenennen. Andererseits kann sich aber ein amerikanischer Triskaidekaphobiker im 13. Stock eines deutschen Hochhauses vollkommen sicher fühlen. Sein Unglücksgeschoss liegt ja eins weiter unten.

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