Zeitung Heute : Warum haben Amerikaner in der Küche Fernseher?

Kirsten Reinhardt

Das Kind sitzt in der Einbauküche und panscht mit dem Löffel in einer Schale Cornflakes herum. Auf der Milchpackung prangt eventuell noch das leicht verschwommene Foto eines vermissten Teenagers. Der propere Nachwuchs-Amerikaner isst, den Blick auf einen Fernseher geheftet, in dem sich Tom und Jerry durch die Gegend jagen.

Dieses Bild hat sich in die Netzhäute europäischer Cineasten eingebrannt. Jeder Amerikaner, so denken wir, hat einen Fernseher in der Küche stehen. In der Tat ist der Fernsehkonsum in den USA hoch und das Gerät läuft oft als Geräuschkulisse nebenbei. Viele Haushalte haben gleich mehrere Fernseher: im Schlafzimmer, im Auto oder sogar, wie der Nachbar einer Freundin aus Los Angeles, draußen auf der Veranda. Amerikanische Küchen haben meist eine Essecke und so dient der Fernseher gleichermaßen der Unterhaltung des Kochs sowie des Bekochten – ganz zu schweigen vom Mitkochen mit dem Fernsehkoch. Ohne Küchen-TV praktisch undenkbar! Außerdem helfe einem das Gerät, die langweiligen Garzeiten zu überbrücken, heißt es im Katalog einer Firma, die extra Küchen-Fernseher herstellt. Christoph Mauch, Professor für amerikanische Kulturgeschichte an der Universität München, erzählt, dass die Zahl der als Kitchen-TV vermarkteten Fernsehgeräte zunimmt: „Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat das Wohnzimmer, in dem sich früher der Fernsehapparat befand, seine Funktion weitgehend verloren.“ Es wurde von einem Raum, in dem sich meist nur Erwachsene aufhalten, zum Raum für die ganze Familie, zum Family Room, in dem beispielsweise kleine Kinder Spielecken haben. Auch dadurch sei der Standort der Fernseher in die Küche verlagert worden.

Und darauf hat die amerikanische Küchenindustrie schnell reagiert: Es gibt Fernsehbildschirme, die in die Kühlschranktür integriert sind und somit keinen Platz wegnehmen und solche, die unten am Küchenregal angebracht und bei Bedarf heruntergeklappt werden können. Die Fernbedienung ist mit einer wasserabweisenden und abwischbaren Plastikschicht überzogen, „schließlich wollen Köche auch mal den Sender wechseln oder vorspulen“. Manche dieser Küchen-Fernseher haben sogar einen eingebauten DVD-Spieler. So schließt sich der Kreis, wenn das Kind am Frühstückstisch einem anderen Kind am Frühstückstisch zusieht, wie es Cornflakes kauend auf das Kitchen-TV starrt.

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