Zeitung Heute : Warum haben die Japaner mehrere Paar Hausschuhe?

Kirsten Reinhardt

Im Japanischen ist das Wort für sauber identisch mit dem für schön: kirei. Reinigungskräfte bringen in Tokios Bahnhöfen die Handläufe der Rolltreppen zum Glänzen, die Menschen schrubben sich vor dem Bad sämtliche überflüssigen Hautpartikel vom Körper und betreten niemals eine Wohnung mit Straßenschuhen. Dafür gibt es Hausschuhe, die in beträchtlicher Zahl in einem kleinen Regal im Eingangsbereich aufgereiht sind.

In Japan haben die Leute gleich mehrere Paare: eins für die Wohnung und eins für das Klo. Die Toiletten waren früher nicht im Haus – beim Gang zum Abort zog man Schuhe an. Der Fußboden in traditionellen japanischen Räumen ist mit Tatami ausgelegt, das sind Matten aus gewobenem Reisstroh, die holzig-frisch duften. Die waren in Zeiten, da es noch keine Staubsauger gab, schwer sauber zu halten und wurden äußerst rücksichtsvoll betreten. Denn auf diesem Boden lebt die Familie: Tagsüber isst sie am Kotatsu, einem niedrigen Tisch, auf dem Boden sitzend und am Abend rollt sie hier die Futons zum Schlafen aus.

Auch wenn viele Japaner heute mit Teppich und westlichem Mobiliar leben und ihre Toilette in der Wohnung haben – der Hausschuh ist im japanischen Alltag immer noch von zentraler Bedeutung. Es gibt ihn in allen Mustern und Materialien: Englische Karos, traditionelle Blumen- oder Kranichmotive, Hello Kitty, Pu der Bär oder Manga-Superhelden zieren Modelle aus Filz, Frottee oder Plastik. Toire Suripa heißt die Erfindung, die im modernen Haushalt ein Maximum an kirei garantiert. Die Bezeichnung kommt aus dem Englischen: toilet slipper heißt so viel wie Kloschlappen, Toilettenpantoffel.

Oft gibt es ein Paar für die Dame und eins für den Herren, gern auch farblich voneinander abgesetzt. Dem Gaijin, dem westlichen Besucher, sind die Pantoffeln zwar meist zu klein, aber sie erfüllen ihren Zweck. In öffentlichen Räumen mit Tatami, wie Gasthäusern oder den traditionellen Trinkhallen, den Isakayas, zeigen die fehlenden Toire Suripa an, dass besetzt ist. Auch praktisch. Was man aber nie vergessen sollte: nach dem Toilettenbesuch wieder in die normalen Hausschuhe zu wechseln. Besonders peinlich ist es für den Gaijin, wenn er mit einem Exemplar, auf dem in japanischen Schriftzeichen das Symbol für Toilette prangt, durch das ganze Haus marschiert. Die anwesenden Japaner werden hinter vorgehaltener Hand kichern. Kirei ist das nicht.

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