Zeitung Heute : Warum hängen die Libanesen Vorhänge vor den Balkon?

Jan Oberländer

Die Deutschen strecken sich gern der Sonne entgegen: Auf dem Balkon machen sie es sich auf dem Liegestuhl bequem, genießen den Himmels-Blick. In Beirut gibt es wenig zu gucken: In der libanesischen Hauptstadt sind viele Balkons mit bunten Vorhängen verhüllt, manchmal sind ganze Häuserfronten dicht. Die Balkongardinen hängen an Laufleisten über die Brüstung nach unten, das dicke Kunststoffgewebe lässt keinen Sonnenstrahl durch.

Der Wohnethnologe kommt ins Grübeln, als ein lang gezogenes „Allahu akhbar“ durch die Moscheelautsprecher scheppert. Sollte er es mit Balkonschleiern zu tun haben, die die libanesischen Frauen vor unkeuschen Blicken schützen? Wohnen hinter jedem Vorhang strenge Islamisten? Aber schließlich dient der Balkon auch in Deutschland als Rückzugsort, werden Geranienkästen und Sichtschutzwände vor Nachbars Neugierde gestellt. Und gerade in einer dicht bebauten Millionenstadt wie Beirut wiegt die Tatsache, dass unerwünschte Einblicke verhindert werden, die durch die Plastikstores blockierte Aussicht auf. Zumal die Privatsphäre im konfessionell diversen Libanon von großer Bedeutung ist.

Christian Sassmannshausen vom Orient-Institut Beirut weist darauf hin, dass sich die Häuser in der arabischen Architektur lange zum Innenhof hin geöffnet haben; erst seit Ende des 19. Jahrhundert treten Haustypen auf, deren Fassaden sich mit großen Fenstern nach außen richten. Wobei die traditionelle Bauweise auch eine Reaktion auf der klimatischen Bedingungen ist: Die mediterrane Sonne brennt lange und heiß, die Sommerhitze hält bis November an. Wer kann es den Libanesen verdenken, dass sie ihre Wohnstuben gern schattig und kühl halten? Zudem zeigen die Stapel von Plastikstühlen, die ebenso allgegenwärtig sind wie die Vorhänge, dass Beiruter Balkone mitnichten dunkle Höhlen, sondern vielmehr soziale Orte sind, Außen-Wohnzimmer, in denen Gäste empfangen werden, in denen gefeiert und gegessen wird.

Und wenn man in dieser lebendigen Stadt dem Hupen der schrottreifen Taxis und protzigen Geländewagen lauscht und die kohlenmonoxidschwangere Abendluft einatmet, dann wundert man sich gar nicht mehr über die zugezogenen Balkongardinen. Die Regenschauer, die zum Jahresende hin auftreten, waschen den Staub von den Vertikalmarkisen. Dahinter bleibt man entspannt und, noch ein Vorteil, trocken.

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