Zeitung Heute : Warum heizen die Spanier ihre Wohnzimmertische?

Anna Kemper

Spätherbst in Südspanien, das klingt nach milder Luft und angenehmer Wärme. Doch manchmal bricht selbst in Sevilla die Kälte ein – dann sind es draußen nur ein paar Grad über null und drinnen ist es nicht viel wärmer. Der Sommer, wenn in der Hitze der weiße Kachelboden angenehme Kühle spenden würde, ist fern. Zentralheizung? Fehlanzeige. Die Iberische Halbinsel im Allgemeinen und Südspanien im Besonderen ist zentralheizungsfreie Zone. Da helfen nur zwei Paar Wollsocken.

Den Südspaniern selbst scheint die Kälte allerdings wenig auszumachen, und das, obwohl sie noch nicht mal Wollsocken anhaben. Irgendwo muß ein geheimer Wärmespeicher sein, ist sich der fröstelnde Nordeuropäer sicher. Doch wo?

Wenn die Kälte in Spanien Einzug hält und der Spanier friert, dann setzt er sich gerne an seinen Esstisch, streckt die Füße unter die geblümte Tischdecke, und je weiter er zum Tischbein vordringt, desto wärmer wird es ihm. Dort, im Tisch, haben die Spanier tatsächlich ihre Wärmespender versteckt. Meistens sind es kleine Zylinder aus Metall, die als Heizkörper fungieren und so Wollsocken überflüssig machen.

„Braseros“ werden diese kleinen, ziemlich praktischen Geräte genannt. „Brasa“ bedeutet Glut, und das passt, denn mit Glut waren die Braseros früher auch gefüllt. Es gibt diese Geräte nämlich schon sehr lange. Sogar die Etrusker kannten sie bereits: Als Metalltonnen, in denen die Asche glühte. Sie waren schon damals auf einem niedrigen Fuß montiert, damit sie den Boden nicht berührten. Manche waren sogar aus Bronze gefertigt oder mit Reliefs geschmückt. Später wurde der Brasero als Mesa Camilla, als Mittelpunkt des Wohnzimmers, mit Kohle beheizt und unter der Holztischplatte und einer schweren Tischdecke versteckt.

Holz, Stoff, glühende Kohle – eine zwar günstige, aber dafür nicht ganz ungefährliche Kombination. Oft fing die Tischdecke Feuer, manchmal erlitten die Besitzer sogar Kohlenmonoxid-Vergiftungen. Im Lauf der Zeit haben die Braseros deshalb ihr Wesen leicht geändert, und heute sind sie meistens elektrisch. Dennoch gibt es sie nach wie vor.

Und eigentlich ist das ja auch ganz in Ordnung. Wenn man wieder in den kalten Norden nach Hause kommt, kann man nämlich nach wie vor erzählen: Südspanien? Das ist absolut zentralheizungsfreie Zone.

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