Zeitung Heute : Warum jubeln die Iraker nicht?

Der Gegner wird sich schnell ergeben, vor allem der Süden ist den Amerikanern gewogen – soweit das Kalkül. Es scheint nicht aufzugehen. Saddams Getreue leisten heftige Gegenwehr und bekämpfen sogar ihre eigenen Landsleute. Damit sich kein Aufstand ausbreiten kann.

Malte Lehming[Washington]

DER IRAK-KRIEG – DIE NÖTE DER MILITÄRSTRATEGEN

Dieser Krieg ist sein Krieg. Er hat ihn gewollt, geplant und durchgesetzt. Er war es nicht allein, aber er war maßgeblich. Das weiß der amerikanische Verteidigungsminister, wenn er sich täglich vor die Presse stellt, um die Öffentlichkeit über den Verlauf der Invasion zu informieren. Nervosität lässt Donald Rumsfeld nicht erkennen. Noch nicht. Dafür ist er zu abgebrüht. Doch seine Antworten verraten Besorgnis. Er könne nichts dafür, sagte er auf bohrende Nachfragen, „wenn einige Analysten geglaubt haben, dies werde ein Spaziergang“. Die Regierung habe wiederholt erklärt, nicht zu wissen, wie lange der Krieg dauern werde. „Wir wissen es einfach nicht. Das kann man nicht wissen.“

Neue Zurückhaltung statt Geprotze. Die Archive sind voll von Zeugnissen des Übermuts, mit dem die Kriegsfraktion die Stimmung angeheizt hatte. Das Regime sei verhasst, Saddam Hussein isoliert, seine Truppen würden massenweise desertieren, die Amerikaner würden als Befreier bejubelt. Und jetzt, nach einer Woche? In fast jeder Stadt wird erbittert Widerstand geleistet. Paramilitärische Einheiten betätigen sich als Guerilla-Kämpfer. Sie verschanzen sich und greifen die Nachschubtransporte der Amerikaner an. „Als wir hier ankamen“, sagt ein 21-jähriger US-Marine, „hieß es, der Gegner werde sich rasch ergeben. Wenn mir heute irakische Zivilisten zuwinken, bleibt mein Gewehr im Anschlag, und ich winke durchs Zielfernrohr zurück.“

Die US-Strategen stecken in einem echten Dilemma. Einerseits drängt die Zeit. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Opfer fordert er. Und je blutiger der Krieg wird, desto eher kann Saddam auf einen Solidarisierungseffekt hoffen. Die Bevölkerung muss dringend versorgt werden. Die Bilder von gedemütigten amerikanischen Kriegsgefangenen und abgeschossenen Kampfhubschraubern stärken die gegnerische Moral. Andererseits darf die Zeit nicht drängen. Amerikaner und Briten müssen alles unterlassen, was wie ein Krieg gegen das irakische Volk aussieht. Je schneller und massiver sie zuschlagen, desto größer das Risiko, Zivilisten zu treffen. Wen werden die Iraker am Ende stärker hassen – Saddam oder die westlichen Invasoren? „Die einzigen Freunde, die wir hier haben“, sagt resigniert ein US-Soldat, „stehen neben dir und tragen die gleiche grüne Uniform wie du selbst.“

Eine Guerillataktik, ergänzt durch Terrorismus, kann funktionieren. Dafür gibt es viele Beispiele, angefangen von Nordirland, über Tschetschenien bis zum Nahen Osten. Bedenklich ist, wie viele Fragen derzeit noch unbeantwortet sind. Was erklärt die heftige Gegenwehr, selbst im angeblich „freundlichen“ Süden, der mehrheitlich von Schiiten bewohnt wird? Wer leistet den Widerstand? Sind es einfache Iraker, die zwar Saddam verachten, sich aber gegen einen „Kreuzzug der Kolonisatoren“ wehren?

Aus Basra, der strategisch wichtigen Hauptstadt des Südens, werden Aufstände gemeldet. Teile der Bevölkerung sollen sich Gefechte mit paramilitärischen Einheiten, den Fedjadin liefern. Unabhängige Bestätigungen dieser Berichte liegen nicht vor. Offenbar sind die Schiiten, aufgrund ihrer bitteren Erfahrungen im vergangenen Golfkrieg, vorsichtig geworden. Von den USA ermutigt, rebellierten sie damals gegen die Herrschaft Saddams. Basra war bereits in ihrer Hand. Doch dann schlug der Diktator zurück, ohne von den Amerikanern gehindert zu werden. Eine Woche später war Basra zurückerobert, Tausende von Zivilisten waren gestorben. „Wir jubeln erst dann, wenn wir hundertprozentig sicher sind, dass das Regime restlos vernichtet wurde“, sagt ein Bewohner der Stadt. „So lange die Amerikaner den Krieg nicht gewonnen haben, fürchten sich die Iraker weniger vor ihnen als vor Saddam.“

Die unerwarteten Probleme haben die US-Strategen bereits gezwungen, ihre Strategie zu ändern. Ursprünglich sollte so schnell wie möglich die Führung in Bagdad ausgeschaltet werden. Jetzt heißt das Nahziel: Stadt für Stadt, Region für Region den Widerstand brechen. Entscheidend wird die Schlacht um Basra sein. Das ist psychologisch wichtig, um den Schiiten zu zeigen, dass sie diesmal nicht allein gelassen werden. Es ist aus humanitären Gründen unerlässlich, weil nur von Basra aus die Versorgung organisiert werden kann. Und es ist aus militärischer Perspektive erforderlich, um die eigenen Nachschubwege zu sichern. Allerdings gibt Basra womöglich erst einen Vorgeschmack darauf, was den Alliierten in Bagdad bevorsteht. Wird es dort so blutig wie in Stalingrad, Grosny oder Mogadischu sein?

Die Experten wiegeln ab. Eher sei die Situation mit Ost-Jerusalem zu vergleichen, das 1967 von den Israelis relativ problemlos erobert wurde, oder mit Panama-Stadt, wo die Amerikaner 1989 tausende Panamaer besiegten. Doch das klingt schon wieder verdächtig nach einem „Spaziergang“.

Donald Rumsfeld, der Ober-Advokat dieses Hochtechnologiekrieges, in dem eine zahlenmäßig bescheidene Truppe in kurzer Zeit überwältigende Erfolge erzielen soll, hat in diesem einen Punkt Recht: „Wir wissen es nicht. Wir wissen es einfach nicht.“

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