Zeitung Heute : Warum lassen die Isländer ihre Türen offen?

Katja Michel

Liberale Türpolitik, so könnte man es nennen: Die Isländer schließen ihre Haustüren nicht ab, auf dem Lande zumindest nicht. Dort können Besucher einfach die Klinke runterdrücken und eintreten. Genau so ist das auch gemeint: „Wenn niemand zu Hause ist, macht man es sich drinnen gemütlich und wartet“, erzählt Edda Jökulsdóttir, Stellvertreterin des isländischen Botschafters in Berlin. Denn die Höfe, erklärt ihr Landsmann Stefán Júlíusson, der seit vier Jahren in Berlin lebt, liegen in Island oft sehr weit auseinander. Deswegen schließe man nicht ab, wenn man aus dem Haus geht: Damit unangemeldeter Besuch nach einem langen Weg durch die Kälte nicht draußen warten oder gar wieder umdrehen muss.

Natürlich fläzen sich die Isländer nicht gleich bei fremden Leuten aufs Sofa oder bedienen sich am Kühlschrank. Reinkommen und Wie-zu-Hause-Fühlen ist nur dann üblich, wenn Besucher und Gastgeber einander kennen. Die Wahrscheinlichkeit allerdings ist in Island nicht eben klein: Nur rund 300 000 Menschen leben in dem Staat knapp unterhalb des nördlichen Polarkreises – ungefähr so viele wie in Neukölln. Manche behaupten sogar, die Isländer seien sowieso alle miteinander verwandt. Persönlich jedenfalls geht es auf der Insel immer zu: Die Isländer reden einander alle mit dem Vornamen an. Und das am allerliebsten beim Kaffee, der elementarer Bestandteil der isländischen Gastfreundschaft ist.

„Es ist warm in der Kanne“ ist in Island ein geflügeltes Wort zur Begrüßung und gleichbedeutend mit: „Es gibt Kaffee.“ Es wäre grob unhöflich, keine Tasse anzubieten. Und sollte es wirklich so sein, dass die Gastgeber nicht zu Hause sind, steht bestimmt eine Kanne auf dem Tisch bereit.

Kaffee gibt es in Island nämlich immer: morgens, mittags, abends und auch noch spät in der Nacht. 7,6 Kilo gemahlene Bohnen brüht sich der Isländer laut Statistischem Amt im Schnitt pro Jahr auf. In Italien sind es zwei Kilo weniger. Die Isländer trinken Kaffee nicht nur zu Hause in rauen Mengen: Am Bankschalter kann man ihn gratis aus dem Automaten ziehen, im Supermarkt steht immer eine Kanne zur Selbstbedienung bereit und selbst beim Baden in den heißen Quellen schlürfen sie ihr Nationalgetränk. Sogar im Fußballstadion gibt es Kaffee, Bier ist da nämlich verboten.

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