Zeitung Heute : Warum leben die Samoaner in Open-Air-Hütten?

Annette Kögel

Wir dachten, wir hätten das Paradies gefunden: eine Landschaft wie aus dem Urlaubskatalog. 19 900 Kilometer von Berlin entfernt, mitten in der Südsee auf halber Strecke zwischen Hawaii und Neuseeland, kein Wunder, dass es sich da anders lebt. Nicht so verschlossen wie in der westlichen Welt – in Western-Samoa lässt niemand Rollläden runter, zieht keiner die Gardinen zu. Im Gegenteil. Die Samoaner leben in Hütten, die rundrum offen sind: auf dem Boden der Fales eine ovale Plattform aus Stein oder Beton, an der Seite ragen Baumstämme in die Höhe, oben drauf ruht ein mit Blättern gedecktes Dach. Das wars. Nur in den größeren Orten stehen Steinhäuser, wie wir sie kennen, auch Hamburgerketten gibt es inzwischen dort; die vielen Kirchen zeugen von der deutschen Kolonialherrschaft.

Auf dem Land leben die meisten Familien in einer großen Hütte, manche haben noch eine eigene kleine Schlafhütte nebenan. Ihre Intimität wahren die Samoaner, indem sie Stoffe als Raumteiler nutzen. Die Matten an den Seiten der Hütten werden nur in der Regenzeit heruntergelassen, wenn es draußen stürmt und gießt. So weht auch nachts immer ein angenehmes Lüftchen. Eine natürliche Klimaanlage, die sich über Jahrhunderte bewährt hat – bei Mindesttemperaturen von 30 Grad und um die 85 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Die Samoaner sind im wahrsten Sinne des Wortes offen, auch ihren Gästen gegenüber. Wenn man bei einem Matai, einem Häuptling, und seiner Familie eingeladen ist, nimmt man Platz auf den Bodenmatten. Aber bitte die Beine nicht gerade ausstrecken – das gilt als unhöflich –, und sie anständig mit dem Wickelrock bedecken.

Sind die Open-Air-Häuser – ein nachgebautes steht übrigens in der Tropical-Island-Freizeithalle in Brand – schon ungewohnt, ist es die samoanische Art zu essen erst recht. Denn die Besucher sind als erste dran, dürfen bei Kochbanane, Papageienfisch und Kokusnusssaft zugreifen, während einem die Gastgeber frische Luft mit geflochtenen Fächern zuwedeln. Später essen sie den Rest.

Das einzig Moderne in vielen Fales sind Fernseher und Billardtisch. Solchen Luxus gab es in unserer Urlaubshütte am Robinson-Strand der Pazifik-Insel Upolu nicht. Dafür aber die Erkenntnis, dass es an so einem Traumstrand nach einer Woche auch langweilig werden kann. Und enttäuschend. Denn die allzeit freie Sicht ermöglicht auch Einblicke anderer Art: Erst war die Taschenlampe weg. Dann die Wodka-Flasche. Und schließlich fehlten 500 Dollar. Dann wollten auch wir weg.

Unser Gastgeber-Matai wollte uns den Schwur abnehmen, dass niemand, aber wirklich niemand von dem Diebstahl erfahren dürfe. Ich habe das Gelübde nicht abgelegt.

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