Zeitung Heute : Warum nur, warum

JÖRG KÖNIGSDORF

Kein guter Abend für das Gewandhaus-Quartett im Kammermusiksaal Dieses Konzert hinterläßt nichts: weder Begeisterung, noch Ärger, noch Irritation, sondern allein die Frage, warum das Gewandhaus-Quartett an diesem Tag überhaupt im Kammermusiksaal aufgetreten ist.Und warum es ausgerechnet Schuberts "Tod und das Mädchen" und Mendelssohns spätes f-moll-Quartett aufs Programm gesetzt hat, beides Werke voller Abgründe und schwärzester Verzweiflung, die einen durchgängig auf der Vorderkante des Konzertsessels halten sollten.Doch bereits die nervös tremolierende Energie, die den Kopfsatz des Mendelssohn-Quartetts vorantreibt, wird von den Leipziger Konzertmeistern zu einer pauschalen Lockerheit modifiziert.Die erste Geige artikuliert durchweg zu harmlos, orientiert sich mit schlankem, leichten Ton ganz auf den lyrischen Seitengedanken hin, die Nebenstimmen treten meist in klangliches Halbdunkel, begreifen sich lediglich als Begleitung.Ganz unverdächtig sonnig erscheint den vier Herren auch die immer wieder ansetzende und durchbrochene Melodieführung des Adagio, nie wird das Zögerliche, Mutlose dieser Musik thematisiert.Nun wäre das Fehlen romantischen Überdrucks an sich kein Problem, wenn dadurch Satzarchitekturen klarer beleuchtet würden, die klassischen Orientierungen Mendelssohns wie Schuberts stärker hervorträten.Doch auch dafür taugen die matten Klangaquarelle der Leipziger nicht, ihre dynamische Skala ist zu begrenzt, ihr Ton zu weich, im Forte zu kraftlos, um formale Spannungen aufbauen zu können.Technische Sauberkeit allein ist da zu wenig, und selbst die gerät im Laufe des Abends durch steigende Intonationspatzer der ersten Geige in Gefahr.JÖRG KÖNIGSDORF

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