Zeitung Heute : Warum sind Holländer so undankbar?

Harald Martenstein besucht einen traurigen Ort in Potsdam

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Wenn man mit der Fußball-WM nichts oder wenig zu tun haben möchte, könnte man in das Holländische Viertel nach Potsdam fahren. Auch im Holländischen Viertel gibt es eine Sportbar, vereinzelt sogar Fahnen, insgesamt aber liegt dörflicher Friede über den Andenkenshops, den Kaffeehäusern und der Transsexuellenkneipe. Es ist wie Göttingen, nur holländischer.

Wasser oder besser das Flüssige hat im Verhältnis zwischen Deutschen und Holländern immer eine große Rolle gespielt. 1974, bei der letzten Fußball-WM in Deutschland, regnete es fast ununterbrochen. Diese Tatsache begünstigte die Deutschen, weil es bei Regen und schwerem Boden mehr auf Kraft und Dusel ankommt als auf fußballerische Technik. Im Endspiel unterlag Holland den Deutschen. 1990 hat der Holländer Rijkaard den Deutschen Völler angespuckt, dies werden wir niemals vergessen.

Das Holländische Viertel entstand, weil Friedrich Wilhelm I. Holländer über alles liebte und Holländer nach Preußen locken wollte. Er dachte: „Wenn ich genug schöne Holländerhäuser baue, fühlt der Holländer sich wohl, und er kommt.“ Rund um Potsdam herum lagen ursprünglich Sümpfe, bei der Trockenlegung der Sümpfe hatten holländische Spezialisten Großes geleistet, deswegen dachte man, ein echter Holländer kann alles. Der König fuhr also persönlich nach Holland, um Holländer anzuwerben. 134 Holländerhäuser wurden im Laufe der Jahre errichtet, die jedem Holländer als Geschenk angeboten wurden. Der König ließ sogar einen künstlichen See bauen, das Bassin, damit der Holländer im Sommer plantschen und im Winter Schlittschuh laufen kann, denn das liebt er ja so. Insgesamt sind aber nur 25 Familien gekommen! Das Holländerviertel war ein Spielfeld ohne Spieler, ein Aquarium ohne Fische, ein Spielplatz ohne Kinder und so weiter, ein trauriger Ort eigentlich.

Während man im Holländerviertel umherschlendert, im dem heute nach Angaben von Bewohnern kein einziger Holländer mehr wohnt, auch kein Nachfahre, kann man über die Undankbarkeit des holländischen Volkes nachdenken, welches die unendlich vielen Wohltaten, die wir Deutschen ihm seit Jahrhunderten immer wieder zuteil werden lassen, so überhaupt nicht erwidert, es sei denn durch seine regelmäßigen Niederlagen in entscheidenden Fußballspielen. „Holländische Touristen kommen oft“, sagt ein Ladenbesitzer. „Sie lachen über das Holländische Viertel, schütteln ihre Kopfe und sagen, die Deutschen spinnen.“ Er schaut aus dem Fenster. Es sieht nach Regen aus.

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