Zeitung Heute : „Warum sollten Schule und Wirtschaft nicht zusammenarbeiten?“

Hessen macht es vor: Lehrer bilden sich mit Hilfe digitaler Medien fort. Ein Institut und ein Sponsor machen’s möglich

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Herr Hendricks, Ihr Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft hat zusammen mit Microsoft in Hessen, im Saarland und in Rheinland-Pfalz im September 2004 die Initiative „Innovative Teachers“ gestartet. Worum geht es dabei?

Das Besondere an dem Projekt ist, dass Lehrer ihren Personalentwicklungsprozess nicht nur individuell sondern zusammen mit anderen gestalten. Die Grundidee dabei ist: Innovation ist an vielen Stellen vorhanden, aber eben nicht bei jedem. Die Lehrer sollen ihre eigenen Stärken und Schwächen erkennen und sich im eigenen Kollegium, aber auch darüber hinaus austauschen.

Das bezieht sich nicht nur auf die Neuen Medien?

Nein, der Ansatz geht weiter. Die digitalen Medien – also in diesem Fall die Plattform „Innovative Teachers Network“, kurz ITN, wird genutzt, um Ideen und Erfahrungen auszutauschen. Man soll also nicht nur IT-Kompetenz erwerben. Mit den Angeboten des „Innovative Teachers“-Programms soll Lehren und Lernen und auch Organisieren insgesamt unterstützt werden.

Wie sieht das konkret aus?

Das kann so aussehen, dass auch außerschulische Kräfte eingebunden werden. Wir haben ein Beispiel im Saarland, wo Amateurfunker einen Wettersatelliten verfolgen, zusammen mit Schülern herausfinden, was da passiert und somit auf ganz andere Weise gelernt haben, „wie Wetter funktioniert“. Bei einem anderen Beispiel hat sich die Schule geöffnet, um älteren Leuten PC-Kenntnisse beizubringen. Und in wieder einem anderen Projekt hat eine Schule den Jahresverlauf einer Ganztagsschule dargestellt, um Eltern Mut zum machen, ihre Kinder in einer Ganztagsschule anzumelden. Hierzu haben die Schüler eine Multimedia-DVD erstellt.

Es geht also nicht allein um das Internet, sondern genauso um andere elektronische Medien?

In diesen Schulen werden die Neuen Medien in Gänze eingesetzt. Das beginnt bei digitaler Fotografie, geht weiter mit dem Erstellen von Videos, aber auch mit der Frage, wie man vernünftig Printausgaben erstellen kann, beispielsweise für die Zusammenarbeit mit einer Zeitung. Diese Ideen für Medienprojekte kamen übrigens alle aus den Schulen selbst, wir haben die Lehrer nur bei der Durchführung unterstützt, unter anderem durch bedarfsorientierte Lehrerfortbildung. Die wurde von allen Teilnehmern als sehr nützlich bewertet. Allerdings ging das Interesse an Fortbildungsangeboten zurück, als die Lehrer für die Fortbildung im zweiten Jahr bezahlen mussten.

Die Initiative ist auf drei Jahre angelegt?

„Innovative Teachers“ ist so ausgelegt, dass im ersten Jahr die Pilotphase stattfindet, im zweiten die Ausweitung und im dritten Jahr das Angebot für alle Schulen geöffnet wird.

Es sollten ja über die drei Bundesländer hinaus weitere Schulen teilnehmen.

Das ist auch passiert. Inzwischen sind es 80 Schulen bundesweit, in Berlin nehmen mehr als zehn Schulen an dem Projekt teil.

In Ganztagsschulen verbringen die Schüler den Nachmittag in der Schule, in anderen Schultypen nicht. Aber auch dann muss man nicht auf Computer und Lernsoftware verzichten . . .

Es gibt interessierte Eltern, die ihren Kindern für den Nachmittag Software besorgen. Die Kinder bevorzugen Titel, die nah am jeweiligen Lehrwerk angesiedelt sind. Wenn man beispielsweise Englisch mit Cornelsen oder Klett lernt, möchte man auch gerne die dazu passende Software haben. Darauf haben sich die Verlage eingestellt.

Aber wie sieht es mit Software für den Einsatz in den Schulen selbst aus?

Speziell die Schulbuchverlage haben ihr Engagement im Vormittagsmarkt verstärkt. Es gibt sogar Verlage, die sich aus dem Nachmittagsmarkt zugunsten des Schulbereichs verabschiedet haben.

Also haben sich an den Schulen die Voraussetzungen für diese Art des Lernens doch entsprechend verbessert?

Aus Sicht der Schüler, die sich sehr gerne auf die neue Art des Lernens einlassen, könnte man sagen, es geht zu langsam. Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass sich zu viele Lehrer erst zögerlich darauf einstellen. Aber insgesamt ist dieses langsame Wachsen gar nicht so verkehrt, auch wenn man sich das vor zehn Jahren anders vorgestellt hat.

Viele der Initiativen sind von der Wirtschaft angestoßen, die damit auch ihre eigenen Interessen verfolgt. Hält sich der Staat zu sehr zurück?

Eine Zeit lang hat der Staat die Neuen Medien mit den Einnahmen aus dem Verkauf der UMTS-Lizenzen gefördert. Als diese Quellen versiegt waren, wurde auch die Förderung eingestellt. Jetzt heißt es, die Länder seien stärker gefordert. Doch die Mehrheit der Länder hält das nicht für ihre Aufgabe. Von einigen Initiativen, zum Beispiel in Hessen, verspreche ich mir dennoch sehr viel. Dort wird eine Komplettlösung angestrebt, die aus einer Qualifizierung der Lehrkräfte, einer vernünftigen Ausstattung der Schulen und mit einer effektiven Infrastruktur zur Sicherstellung des technischen Betriebes besteht. Das gibt den Verlagen die nötige Planungssicherheit. Allerdings ist Hessen nicht eines der großen Bundesländer. Wenn das in Bayern oder Nordrhein-Westfalen passieren würde, wäre das Signal sicherlich erheblich größer. Aber es ist gut, dass die Hessen zeigen, dass es geht. Noch ist es leider so, dass nur einige besonders engagierte Lehrer an den Schulen zeigen, dass es funktioniert – nämlich neben ihren sonstigen Aufgaben auch noch den Rechnerbetrieb sicherzustellen . . . Aber darauf kann man auf Dauer kein System aufbauen. In einigen Regionen, zum Beispiel in Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein, wird derzeit versucht, durch eine Zentralisierung der rechneradministrativen Aufgaben in speziellen Einrichtungen oder Unternehmen den Lehrern wieder die Zeit zu geben, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben als Pädagogen zu konzentrieren.

Immerhin gibt es einige Unternehmen, die etwas tun. Die Frage ist nur: Ist es eher förderlich oder hinderlich, wenn diese Firmen in die Schulen gehen?

Die Erfahrungen aus unserem Projekt sind so, dass der Name Microsoft positiv gewirkt hat und die Schulen Interesse an Kooperation gezeigt haben. Die Zeiten haben sich geändert. Die Lehrer machen keinen Bogen mehr um die Wirtschaft. Man hat gelernt, dass Partnerschaften möglich sind. Man muss sich schließlich auch nicht verbiegen, da man keine größeren Verpflichtungen eingeht. Im Gegenteil: Da der Staat sich zunehmend als Hauptfinanzier zurückhält und solche Public Private Partnerships anstrebt, warum soll das eine Schule dann nicht ebenfalls machen? Natürlich gibt es auch Kritiker. Es gibt aber genauso Lehrer, die sagen, wenn etwas von der Gewerkschaft kommt, nehme ich es nicht an. Ich finde, wir können von amerikanischen Unternehmen wie Oracle, Microsoft oder Apple und Intel durchaus lernen. Dort ist es selbstverständlich, dass Schule und Wirtschaft zusammenarbeiten. Warum soll das denn nicht auch bei uns gelingen?

Das Gespräch führte Kurt Sagatz

Wilfried Hendricks

leitet das Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft, das an der Technischen Universität Berlin beheimatet ist.

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