Zeitung Heute : Warum wohnen Pariser Studenten unterm Dach?

Pascale Hugues

Schräge Wände, eine Dachluke mit Blick auf ein Meer von grauen Dächern, eine Tapete mit Vergissmeinnichtmuster, ein neben den Kleiderschrank gezwängtes schmales Bett, ein Miniaturwaschbecken und Toiletten auf dem Flur – et voilà ein Dienstmädchenzimmer, eine „chambre de bonne“, wichtiges Requisit in den Phantasien der Ausländer, wenn sie von Paris träumen. Diese Kammern im obersten Stock großbürgerlicher Stadtviertel, wie sie der Architekt Haussmann Ende des 19. Jahrhunderts entworfen hat, gehören zur Folklore wie die Stufen von Montmartre und die Wasserspeier von Notre Dame.

Wie der Name schon sagt, beherbergten diese Zimmer ursprünglich Dienstmädchen, die sich bei den bürgerlichen Familien der Hauptstadt verdingten. In Paris war die Bourgeoisie großzügiger als in Berlin, wo die Dienstmädchen in einem winzigen Verschlag im Flur untergebracht waren.

Heute führen in Paris Studenten und Künstler in den engen Behausungen ihr freies und ärmliches Bohemeleben. Wenn sie die Kammer nicht vermieten, bringen die Pariser unterm Dach ihre Au-Pair-Mädchen unter. In Berlin wäre ein Einquartieren im Dienstmädchenzimmer schon schwieriger, denn kein Mensch möchte als Eindringling in einer schon knapp bemessenen Wohnung logieren. Das „chambre de bonne“ im selben Haus, von der Wohnung aber einige Etagen entfernt, ist die ideale Lösung, die jeder Seite ihr Privatleben sichert.

Mit der Explosion der Mieten floriert in Paris ein für die Hausbesitzer höchst einträglicher Schwarzmarkt. Sie vermieten ihre Dienstbotenkammern an Studenten und Migrantenfamilien. Im Kampf gegen den Missbrauch brachte die Regierung im Jahr 2001 ein Gesetz durch, das die Vermietung dieser Zimmer untersagt. Voriges Jahr sollte ein weiterer Gesetzentwurf diesen Parallelmarkt regeln: Dienstbotenzimmer mit einer Fläche von 7 bis 9 Quadratmetern durften offiziell vermietet werden – allerdings mit strikten Vorgaben: Die Eigentümer mussten sich mit Studentenorganisationen und Antidiskriminierungsverbänden abstimmen und „Mindeststandards“ einhalten. Gegen letztere gab es heftige Proteste, und das Ministerium zog den Entwurf zurück. So wohnen Studenten immer noch „über den Dächern von Paris“ – was so romantisch nicht ist.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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