Zeitung Heute : Was Bares wert ist

Lu Yen Roloff,Anna Bawden

Der Wohlstand in Deutschland ist

ungleich verteilt: Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen knapp zwei Drittel des Vermögens,

zwei Drittel der Menschen haben dagegen kaum etwas. Womit hängt das zusammen?

Ungefähr ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland ist nicht in der Lage, etwas anzusparen – oder hat im größeren Umfang Schulden angehäuft. Dagegen vermehrt sich das Vermögen der wohlhabenderen Deutschen kontinuierlich und bleibt dabei weiterhin in den Händen einer relativ kleinen Gruppe. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Forscher haben die jährlich erhobenen Daten des Sozioökonomischen Panels (Soep) ausgewertet, um erstmals das Vermögen der Deutschen individuell aufzuschlüsseln. Dabei wurden nicht nur Immobilienbesitz, Ersparnisse und Lebensversicherungen eingerechnet, sondern auch Betriebsanteile, Kunstwerke, Münzen oder Dinge wie wertvolle Briefmarken berücksichtigt.

Die Ergebnisse bestätigen bei der Vermögensverteilung, was andere Studien bereits im Hinblick auf Bildungschancen, Einkommen und Zukunftsperspektiven gezeigt haben: Die Reichen hängen die Armen immer weiter ab. Inzwischen besitzen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung pro Person rund 270 000 Euro. Gemeinsam halten sie knapp 60 Prozent des gesamten Volksvermögens von 5,4 Billionen Euro. Dagegen hat rund die Hälfte der Deutschen nichts oder sehr wenig angespart. Diese Zahlen würden von den „Problemen unsteter Erwerbskarrieren“ zeugen und von „denjenigen, die trotz Arbeit von der Hand in den Mund leben müssen“, sagt Markus Grabka, Leiter der DIW-Studie. Auch die rund acht Millionen Hartz-IV-Empfänger, die meisten Alleinerziehenden und viele Migranten könnten kaum etwas ansparen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich verläuft aber auch zwischen Frauen und Männern, Migranten und Deutschen, Ostdeutschen und Westdeutschen, Jungen und Alten. Nimmt man das durchschnittliche deutsche Nettovermögen von rund 81 000 Euro pro Person zum Maßstab, besitzen Menschen in den alten Bundesländer etwa 2,6-mal mehr Vermögen als Personen in den neuen Ländern. Menschen mit Migrationshintergrund verfügen im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung über weniger als die Hälfte des durchschnittlich Ersparten. Und gerade junge Menschen in Deutschland haben inzwischen zu Beginn ihrer Berufslaufbahn kaum noch Möglichkeiten, für die Zukunft vorzusorgen.

Überraschend für die DIW-Wissenschaftler war, dass selbst innerhalb von Ehen die Männer über fast 30 000 Euro mehr verfügen als Frauen. Einer der Gründe: Weil Männer bei der Eheschließung oft einige Jahre älter als die Frauen seien, könnten sie in den Jahren vor der Heirat mehr Geld ansparen. In der Ehe zementiere die traditionelle Geschlechterteilung dann diese Unterschiede, sagt Grabka.

Die Studie zeigt auch: Wer reich ist in Deutschland, wird tendenziell noch reicher. Denn die Spanne bei der Vermögensverteilung ist wesentlich größer als die Unterschiede beim Einkommen. Das Geld vermehrt sich also auch unabhängig vom erzielten Gehalt. Insgesamt ist der Kapitalanteil aus Vermögen am Volkseinkommen von 1996 bis 2006 um vier auf 33,8 Prozent gestiegen.

Angesichts dieser Zahlen kritisiert Studienleiter Grabka nun, dass die Koalition die Freibeträge für Erbschaften hinaufsetzen will: „Unter dem Gesichtspunkt der Umverteilung hat die Politik das falsche Instrument gewählt. Die soziale Kluft in Deutschland setzt sich vor allem über Erbschaften fort.“ In der Folge werde die Vermögenskonzentration weiter zunehmen, da sich über angelegte Ersparnisse in Aktien und Fonds mit hoher Rendite auch ein höheres Einkommen erzielen ließe.

„In Zeiten von Globalisierung, internationalem Wettbewerb und einem europäischen Steuersenkungswettbewerb lassen sich die Gelder nicht mehr so leicht umverteilen“, sagt dazu DIW-Steuerexperte Stefan Bach. Auch viele andere Länder reduzierten gerade ihre Erbschaftsteuersätze. Lag der Freibetrag in Großbritannien bisher bei 450 000 Euro, will die Regierung nun bis 2011 den Betrag auf 525 000 Euro heraufsetzen. Auch die USA und Japan haben ihre Erbschaftsteuersätze abgesenkt. Viele Länder Europas, darunter Italien, Polen und Dänemark haben einen niedrigeren Steuersatz als Deutschland. Und in 25 Ländern, zum Beispiel in Schweden und Australien, muss das Erbe gar nicht versteuert werden.

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