Zeitung Heute : Was bleibt vom Fernsehruhm?

Sie sind die Väter von Sabine Christiansen, Harald Schmidt und Stefan Raab. Vor 50 Jahren ist in Deutschland eine neue Art von Stars entstanden. Ihre Ruhestätten gleichen sich – das ist nun mal so. Aber auch die Lebensgeschichten der Männer verliefen überraschend ähnlich.

Harald Martenstein

Von Berlin aus nimmt man am besten den Flieger bis München, dann den Zug nach Linz in Oberösterreich. Dort steigt man in die rappelige Rumpelbahn nach Kirchdorf an der Krems. In Kirchdorf fährt ein Bus Richtung Garsten. An der Wegkreuzung nach Frauenstein hält der Fahrer. Die letzten Kilometer geht es im Reinhold-Messner-Stil bei starkem Wind zu Fuß durch den Schnee, zuerst ins Tal der Steyr hinab, im Nationalpark Kalkalpen, dann über mehrere Steilkurven wieder hinauf, bis zu dem kleinen Bauerndorf Frauenstein mit der winzigen Wallfahrtskirche oben auf dem Berg. Hinter der Kirche „Unserer lieben Frau am Stein“ liegt der Friedhof. Dann hat man’s geschafft. Dann steht man vor dem Grab von Hans-Joachim Kulenkampff, genannt Kuli.

Fünf goldene Bildschirme. Zwei goldene Kameras. Ein Bambi. Bremer des Jahres 1990. Gestorben 1998.

Vor genau 50 Jahren ist in Deutschland eine neue Art von Stars entstanden. Die Fernsehstars. Wenn man mal genau hinschaut: Alles Männer. Sie waren Helden, für uns, für die Kinder der Nachkriegszeit. Jetzt sind die meisten tot. Wie sieht ihr Nachruhm aus? Wie bei den Theaterstars, an die sich irgendwann niemand mehr erinnert, außer den Experten? Oder wie bei den Filmstars, deren Ruhm lange bleibt? Man weiß es noch nicht genau.

Kuli zum Beispiel liegt neben seiner Frau in einer Urne. Schöner Bergblick. Auf dem Grab steht allerdings nur sein Name, nicht auf dem Stein, sondern auf dem Boden. Sie haben den Stein der Vormieter – falls man das so sagt – stehen lassen, weiß, uralt, mit verwitterten Buchstaben und dem verblassten Bild eines jungen Mädchens. Kulis Frau stammte aus Linz, ein paar hundert Meter entfernt stand das kleine, unauffällige Ferienhaus ihrer Eltern. Dort haben die Kulenkampffs ihre freien Wochenenden verbracht.

Die Kulenkampff-Gedächtnisparty

Im Sommer ist Kulis Grab eine richtige Wallfahrtsstätte für deutsche Touristen. Das sagt die Wirtin vom Gasthof Federlehner, direkt neben der Kirche. Kuli war bei ihr Stammgast. Jetzt macht sie in Zeitschriftenanzeigen damit Reklame, dass Kuli Stammgast war. In der Nacht vor der Beerdigung hat sie gemeinsam mit der Witwe am Sarg gewacht. Die Wirtin trägt einen langen Zopf, sie ist um die vierzig und nervös, denn sie muss jetzt gleich ein Schwein schlachten. Vorher zeigt sie von der Terrasse aus das Haus, in dem Kuli immer gewohnt hat. Sie hat darin Routine. „Und was ist jetzt mit dem Haus?“ „Es steht leer. Manchmal gibt die Tochter Freunden den Schlüssel. Die ist Künstlerin. Eine Ausgeflippte.“ Zum 80. Geburtstag des toten Vaters hat sie im Gasthof eine Kulenkampff-Gedächtnisparty gegeben, mit sämtlichen ausgeflippten Freunden und einer besonders ausgeflippten Band. Das hätte Kuli vermutlich gefallen.

Kuli hat uns Deutschen den frechen britischen Stil gebracht. In der lieben, braven, soßenartigen Showbranche war er der Einzige, der gelegentlich sarkastisch wurde. Er war links, weil er mehrfach gegen alle Vorschriften „die Zuschauer in der DDR“ begrüßte. Er galt als irgendwie intellektuell, weil er Volvo fuhr und Scampi aß. Außerdem machte er Werbung für Willy Brandt und für Weinbrand Chantré. Kulis Honorar betrug, Anfang der 70er, legendäre 40000 Mark pro Sendung. Sein Quiz „Einer wird gewinnen“ war ein heimliches Umerziehungsprogramm. Deutsche zu Europäern. Aus der Aussöhnung mit den Nachbarvölkern hat Kuli eine Show gemacht. War das, alles in allem, nicht genial?

Im Krieg sind ihm die Fußzehen abgefroren. Im Fernsehen trug er Toupet. Wenn Gäste aus Israel kamen, war Kuli manchmal etwas hibbelig.

Als alter Knabe hat er versucht, ins junge Privatfernsehen zu wechseln. Das war Harakiri. Am Ende hat er tatsächlich das Kunststück geschafft, wegen zu schlechter Quote aus dem dritten Programm gekippt zu werden, die Show trug den Unheil verheißenden Namen „Zwischen gestern und morgen“. Zuletzt klagte er häufig über „das heutige Niveau“. Das ist immer ein schlechtes Zeichen, für den, der klagt.

Der Urahn von Günther Jauch

Kuli sagte: Gottschalk ist mein Nachfolger. Aber das stimmt nicht. Gottschalk ist ein Ami. Kein britischer Gentleman. Kulis Sarkasmus, sein Image als Vorzeige-Intellektueller und als einer, der die Autoritäten im Sender bestenfalls ignoriert, all das hat eher Harald Schmidt geerbt.

Aber wer ist der Urahn von Günther Jauch? Dazu muss man den Zug nach München nehmen.

Zwei Goldene Bildschirme. Eine Goldene Kamera. Zwei Bambis. Bayrischer Verdienstorden. Gestorben 1989.

Dichtes Schneetreiben. Rabenvögel kreischen. In Bogenhausen ruht der ins Unbürgerliche hinüberschillernde Teil der Münchner Prominenz – Fassbinder, Sedlmayr –, aber Robert Lembke liegt natürlich auf dem Westfriedhof, bei den Honoratioren und nicht weit weg von der Schlagersängerin Alexandra. Gegenüber ruhen englische Fräulein, Ordensschwestern, meistens zu zweit, Bernolda neben Irmenhilde, Engelharde neben Eucheria.

Lembke hat die erfolgreichste Quizshow der frühen Jahre gemacht, das „Heitere Beruferaten“. Am frühen Abend empfing Robert Lembke immer sein berühmtes Rateteam zum Essen, danach machten sie um 20Uhr15 Livesendung und zeichneten ab 21Uhr30 eine zweite Sendung auf, alle zwei Wochen, jahrzehntelang. Die Quote lag bei 75 Prozent. Nebenbei schrieb er heitere Aphorismen. „Liebe ist eine Krankheit, bei der auf einen Schlag zwei Patienten bettlägerig werden.“ Oder: „Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.“

Der Stein ist klein und schlicht. Lembke liegt neben seinen Eltern und seiner Ehefrau, obwohl er getrennt von ihr lebte. In einem alten Standardwerk über die Fernsehstars stehen sie, diese alten Geschichten: Dass Lembke die Nazis nicht mochte und deshalb 1933 den Journalistenberuf an den Nagel gehängt habe. Dass er aus innerer Opposition Chemiearbeiter bei der IG Farben geworden ist. Sein Vater sei sogar ins Exil gegangen.

Die Wirklichkeit sah ein bisschen anders aus. Robert Lembkes Vater ging nicht ins Exil. Er floh. Er war Jude. Besser gesagt: Er war Christ mit jüdischen Vorfahren. Robert Lembke hatte also gar keine andere Wahl, als 1933 seine journalistische Karriere zu beenden.

Solche Geschichten hing man in den frühen Fernsehjahren nicht gerne an die große Glocke. Es herrschte eine heute schwer zu begreifende Scham – bei den Opfern, bei Leuten wie Robert Lembke oder Hans Rosenthal. Das Publikum bestand schließlich mehrheitlich aus Leuten, die damals, im weitesten Sinn, auf der anderen Seite gestanden hatten. Das Publikum hat immer Recht, oder?

Der nächste Mann hätte in seinem Sender alles werden können. Jahrelang haben sie ihm die wichtigen Posten auf silbernen Tabletts hinterher getragen. Er aber wollte immer nur moderieren. Kameras! Publikum! Sein Erfolg beruhte zu einem nicht geringen Teil darauf, dass er ein ganz normaler Typ war, sagen wir ruhig: Durchschnitt. Nur ein bisschen größer und dicker als die anderen. Kein Pfau, kein Rennpferd, eher ein treuer Bernhardinerhund. Jetzt liegt Big Wim also an einem grünen Maschendrahtzaun in Engenhahn.

Eine goldene Kamera. Ein Bambi. Gestorben 1995.

Mit 17 wurde er als Soldat verwundet. Mit 50 hatte er eine Quote von 68 Prozent. Für das ZDF hat Wim Thoelke in idealer Weise die beiden edelsten Sendeaufträge verkörpert. „Der große Preis“, das Quiz zugunsten der Aktion Sorgenkind, bedeutete „Unterhaltung“ plus „Bildung“ und verband beides – Bingo! – auch noch mit Wohltätigkeit. Und Wim Thoelke, der Superstar, wechselte nie den Sender. Sein Leben hatte er dem ZDF geweiht wie ein Samurai seinem Kaiser.

Er war dann der Erste, dem man im Fernsehen beim Sterben beinahe zuschauen konnte. 1991, nach einer dreifachen Bypass-Operation, moderierte er abgemagert und im Sitzen seine 200.Sendung. Das aber wollten die Leute nicht sehen. Auf diesem Weg wollten sie ihren Wim nicht begleiten. Und so trennte sich das ZDF von seinem kranken Bernhardiner, ersetzte Big Wim durch den deutlich älteren Kuli, der ebenfalls längst auf dem absteigenden Ast war und die Show dann auch prompt gegen den Baum fuhr. Der rachedurstige Wim schrieb mit letzter Kraft ein Enthüllungsbuch über das ZDF. Das ZDF, ein Abgrund an Korruption. Als der Sender sich erwartungsgemäß wehrte und ein Rechtsstreit drohte, konnte oder wollte er seine Vorwürfe nicht belegen. Er gab klein bei und starb an gebrochenem Herzen.

Engenhahn im Taunus ist ziemlich öde. Man denkt unwillkürlich: „Hier sind die Grundstücke bestimmt nicht so teuer wie in Kronberg. Und leben kann man schließlich überall.“ Rund um den Friedhof werden mittelgroße Eigenheime hochgezogen, es ist ziemlich laut, an den frisch gepflanzten, mittelgroßen Bäumen klebt noch Plastikfolie, und auf den Grabsteinen steht meistens der gesellschaftliche Rang des Verblichenen. „Bürgermeister“ oder „Zimmermeister“ oder auch „Dr. ing“. Bei Thoelke steht nur „W.T.“. Sein Grab liegt versteckt und ist so ziemlich das kleinste in Engenhahn. Ein Einpersonengrab.

Ein junger Mensch kommt aus einem Eigenheim, Ende 20, Kunstlederjacke. „Guten Tag. Mein Name ist Dr. von Quitzow. Sie interessieren sich auffällig für unseren Friedhof. Darf ich fragen, wer sie sind und was sie hier tun?“

Sie passen gut auf in Engenhahn. Dr. von Quitzow berichtet ungefragt, dass Big Wim auffällig viele Frauengeschichten gehabt habe, trotz seiner schwachen Gesundheit, jawohl. Deswegen habe die Familie das Grab so klein gehalten. Zur Strafe, gewissermaßen. Die Frage, ob viele Besucher ans Grab kommen, erübrigt sich wohl.

Weder im Leben, mit den Menschen vom ZDF, noch im Tode, mit seinem Nachbarn in Engenhahn, hat Wim Thoelke den großen Preis gewonnen.

Sturz ins Quotenloch

Eine Zugfahrt durchs Rheintal. Nebel. Köln. Hier also haben wir den berühmtesten deutschen Fernsehjournalisten. Moderator der ersten politischen Talkshow, sozusagen Vorgänger von Sabine Christiansen. Ein Gigant. Der Mann, der bescheiden von sich sagte „mehr als ich kann man nicht erreichen“ und zu dessen Geburtstag der Bundespräsident einen Empfang gab. Kein Wunder, dass hier alles bürgerliche Großzügigkeit atmet. Auffällig großer Stein, viel Platz, auffällig große Birke.

Eine goldene Kamera. Deutscher Weinkulturpreis. Gestorben 1997.

Sogar aus manchen Nachrufen geht in vorsichtig gesetzten Worten hervor, dass Werner Höfers herausragendste Eigenschaft nicht die Liebenswürdigkeit war. Brillant war er, das schon, kreativ, ein Förderer von Talenten, das auch, aber dabei autoritär und aufbrausend. Höfer war Jahrgang 1913, genau wie Lembke. Als der Jungjournalist Lembke wegen seines Vaters Blut den Job verlor, war Jungjournalist Höfer schon längst in der NSDAP. Nach 1945 machten beide ziemlich parallel Karriere, nicht nur als Moderatoren, sondern auch in ihren Sendern. Beide wurden Direktoren. Als Fernsehdirektor des WDR war Höfer zeitweise für 25 Prozent des ARD-Programms zuständig. Nur Intendant wurde er nie. Darunter soll er sehr gelitten haben.

Der „Spiegel“ stürzte Höfer mit Hilfe einer scheinbaren Enthüllung. Das NSDAP-Mitglied Höfer sei tatsächlich Nazi gewesen. Dass er im Krieg ein paar blutrünstige Hetzartikel geschrieben hatte, war aber längst bekannt und hat nie jemanden gestört. Deswegen wird bis heute vermutet, dass Höfers Sturz eine Intrige aus dem WDR zugrunde lag. Vielleicht wollten sie den Alten einfach loswerden.

Höfer erklärte, dass man ihm die schlimmsten Passagen in seinem damaligen Text hineinredigiert habe, und beschritt hoch erhobenen Hauptes den Rechtsweg. Die alte Geschichte: Wahrscheinlich hätte man ihm verziehen, wenn er Reue gezeigt hätte, oder Einsicht, oder wenigstens Nachdenklichkeit. Aber das hat, außer Albert Speer, kaum ein Nazi gekonnt. Ein Gericht musste Werner Höfer, dem berühmtesten deutschen Journalisten, erklären, dass die Bezeichnung „Schreibtischtäter“, gemünzt auf ihn, vom Recht auf freie Meinung abgedeckt sei. Der berühmteste deutsche Journalist, dieser Chefdebattierer und Meinungsfabrikant, wusste also nach mehr als 30 Jahren Demokratie immer noch nicht, was Meinungsfreiheit ist. Das war, beruflich und politisch, sein Ende. Als er seinen Schreibtisch ausräumte, soll er gesagt haben: „Ich hätte gern, wenn niemand weiß, wo mein Grab ist.“

Es war folglich eine eher kleine Beerdigung. Der Friedhofswärter, der zum Grab führt, trägt Pferdeschwanz und lacht viel. Klar, den „Frühschoppen“ hat er immer gerne gesehen. Es ist ein Stadtrandfriedhof mit vielen herumhoppelnden Kaninchen und genau drei Prominenten, Werner Höfer, Ralph Siegel Senior und die Familie des Fußballtrainers Erich Ribbeck. Das Hauptproblem der heutigen Zeit, sagt der Friedhofswärter, sei eindeutig die Kaninchenplage. Sie schließen jetzt gelegentlich tagsüber den Friedhof und machen Jagd, mit Schlingen und mit Gift.

Gräber sehen sich ähnlich. Das ist nun mal so. Aber warum sehen sich die Geschichten so ähnlich? Kein Happy End, bei keinem. Sie kommen alle aus dem Krieg, sie kommen groß heraus und dann stürzen sie ab, in den Skandal, ins Quotenloch, in die Verbitterung, was auch immer. Keiner, der in Glanz und Gloria abgetreten wäre und seinen Nachruhm genossen hätte. Kein Abschiedsspiel, wie bei alt gewordenen Fußballern. Kein Revival, wie bei den Bee Gees oder Abba. Das beste mögliche Ende war noch ein plötzlicher Tod, wie bei Robert Lembke.

Kuli hat immer noch die meisten Fans. Peter Frankenfeld, die ewige Nummer zwei, ruht in Wedel, Schleswig-Holstein, so weit weg von seinem Rivalen wie nur möglich. Sie waren keine Feinde, die beiden, sie hatten sogar mal eine gemeinsame Radiosendung. Sie konnten nur wenig miteinander anfangen. Im Krieg war Frankenfeld zeitweise im Strafbataillon, wegen der frechen Schnauze. Frankenfeld kam vom Zirkus, tatsächlich, das war sein erster Job, Kulenkampff kam von der Bühne. Theater und Zirkus sind die beiden Vorfahren des Fernsehens. Heute verkörpern Harald Schmidt und Stefan Raab diesen Gegensatz.

Ein goldener Bildschirm. Eine goldene Kamera. Gestorben 1979.

Wedel liegt hinter Blankenese und ist ein bisschen weniger edel. Ein typischer Fernsehstar-Friedhof, in unauffälliger Umgebung, Eigenheime, Sportplätze, alles unspektakulär, ohne große Denkmäler oder nennenswerte historische Bedeutung. Auffällig viele Bäume. Auf dem Grabstein: Frankensteins Unterschrift, in Metall gegossen. Das wirkt geschmacklich ein bisschen fragwürdig, ähnlich wie seine karierten Jackets früher. „Er ist unser einziger echter Prominenter“, sagt der Friedhofs-Angestellte. Wieso der einzige Echte? „Tja, es liegen hier einige Kiezgrößen. Aus St. Pauli. Das sind immer sehr aufwändige Beerdigungen mit viel Publikum.“ Pause. „Wir sind schon froh, dass wir den Herrn Frankenfeld hier haben dürfen. Fällt ihnen etwas auf an Wedel?“ „Schön grün hier.“ „Ja. Herr Frankenfeld hat in Wedel ungefähr 10000 Bäume setzen lassen. Im Sommer, wenn es heiß ist, denken die Leute manchmal an ihn. Wegen des Schattens, wissen Sie.“

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