Was das neue Jahr bringt : Geschenke im Überfluss

Dass im neuen Jahr alles besser wird, ist eine Hoffnung, die wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit und ihr Bewusstsein, dass es feste Jahreszyklen gibt. Genauso hartnäckig wie dieser Optimismus ist die dumme Angewohnheit der guten Vorsätze. Und weil das eine leider oft mit dem andern zu tun hat und der Mensch schwach und wankelmütig ist, kommt es dann doch wieder so, wie es eben gerade nicht kommen sollte.

Tröstlicherweise aber gibt es auch Dinge, die sich ohne unsere Beteiligung und Durchhaltekraft zum Besseren wenden. Nehmen wir zum Beispiel das Kindergeld. Es steigt jetzt um satte 20 Euro, ohne dass wir groß was dafür tun müssen. Verhungern lassen werden wir unseren Nachwuchs ja nicht gerade. Zehn Euro obendrauf gibt es, wenn wir eine bettlägerige Großmutter zu Hause haben. Und wer das Glück hat, mit Pflegestufe III im Heim zu leben, ist im neuen Jahr um 40 Euro reicher. Davon lässt sich allmonatlich doch immerhin ein halbes Stündchen professionelle Zuwendung finanzieren.

Nein, zum Jahreswechsel wollen wir auch mal dankbar sein. Was kümmert uns die Finanzkrise? Das Kurzarbeitergeld wird verlängert! Was soll das ganze Gejammer um alternde Gesellschaft, unbezahlbare Gesundheitsversorgung, Zwei-Klassen Medizin? Wir dürfen unsere Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung nun von der Steuer absetzen! Leute, das spart uns 9,5 Milliarden! Von den Steuerberatern, denen wir sie gerne weitergeben, damit sie uns bei der Absetzerei helfen, gar nicht zu reden. Und Geschwister, Nichten, Neffen, Firmenjunioren, alle herhören: Das Erben macht endlich wieder Spaß, die Steuer sinkt. Arbeit muss sich wieder lohnen, hat uns die FDP doch versprochen.

An alle ist gedacht, alle Bedürftigen bekommen ihr Neujahrspräsent. Die Hoteliers zum Beispiel. 150 000 Arbeitsplätze wären verloren gegangen, wenn sie im neuen Jahr weiter so viel Mehrwertsteuer hätten zahlen müssen wie, sagen wir, die Café-Betreiber. Die Hoteldirektorenvereinigung hat das genau ausgerechnet. Und die CSU hat’s durchgesetzt, weil sie sich als Anwalt des einfachen Volks versteht, das ja auch mal reisen will, nach Bayern etwa, und wenn es dort dann keine Hotels mehr gäbe ...

Auch ökologisch wird alles gut. Keine Eier aus Käfighaltung mehr im Supermarkt! Und die Sozialabgaben der Besserverdienenden steigen – um 18 Euro! Selbst bei den gefährlichen Bankgeschäften hat man an die kleinen Leute gedacht. Alle Tipps zur Anlage unseres vielen, durch Steuerersparnis angehäuften Geldes müssen nun dokumentiert werden, falsche Beratung verjährt erst nach zehn Jahren. Da kann uns wirklich nichts mehr passieren. raw

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