Zeitung Heute : Was die Oder braucht

CLAUS-DIETER STEYER

Ein Jahr nach dem verheerenden Deichbruch in der Ziltendorfer Niederung wird in diesen Tagen der Katastrophe des Sommers 1997 gedacht.Aber die Gefahr einer Wiederholung ist längst nicht gebannt.Das Risiko halten Fachleute sogar für größer als je zuvor.Denn die wichtigste Lehre aus dem sogenannten Jahrhunderthochwasser blieb bisher folgenlos: Deiche allein können die Flut nicht aufhalten.Der Strom braucht statt dessen große Überschwemmungsflächen ohne Schaden für Menschen, Tiere, Häuser oder Landwirtschaft.Das erfordert einen völlig neuen Umgang mit dem Fluß und stellt die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen auf eine echte Probe.Denn wirksamer Hochwasserschutz für Brandenburg kann nur im Nachbarland erfolgen, wo die Oder 90 Prozent ihres Weges zur Ostsee zurücklegt.

Zu schnell ging in der Euphorie über die Rettung des Oderbruchs und Teilen der Stadt Frankfurt vor einem Jahr eine nicht unwesentliche Ursache unter: Erst die Deichbrüche in Polen mit ihren bis heute nicht überwundenen Schäden gaben den Helfern im Flußunterlauf die Chance zur Beherrschung der Flut.Hätte es dort keine Deichbrüche gegeben, wären die Heldentaten von Einwohnern, Bundeswehr, Technischem Hilfswerk, Feuerwehr und der vielen anderen Helfer ohne Wert gewesen.Den Stop des Wassers wenige Zentimeter unterhalb der Deichkrone und die entscheidende Minderung des Drucks auf die Dämme hatte der Brandenburger Einsatzstab der Überschwemmung von 700 000 Hektar Land in Polen zu verdanken.

Doch jetzt baut Polen genau wie in Brandenburg seine Deiche mit hohem Tempo aus.Sie sollen undurchlässig gemacht werden, um die dahintergelegenen Ortschaften zu schützen.Je weiter die Arbeiten voranschreiten, desto größer werden die Sorgenfalten bei deutschen Umweltbehörden.Zurecht befürchten sie bei ähnlich hohen Niederschlägen wie im letzten Juli und dann komplett sanierten Deichen in Polen schlimmste Auswirkungen für die Brandenburger Oderregion.So stark und hoch können im Unterlauf gar keine Deiche gebaut werden, die den gesamten Hochwasserscheitel eines hunderte Kilometer langen Stromes aufhalten können.

Die Lösung scheint nur auf den ersten Blick provokatorisch zu klingen: Wirksamer Hochwasserschutz für Brandenburg ist nur mit Polen gemeinsam zu leisten.Hier müssen hinter den Deichen Überschwemmungsflächen gesucht werden, in die das Wasser im Katastrophenfall abgeleitet werden kann.Am Anfang des Jahrhundert hatte der Fluß rechts und links noch die fünffache Menge an Überflutungsfläche wie heute zum Ausgleich des Hochwassers.Die Suche nach neuen Gebieten duldet keinen Aufschub.

Ohne finanzielle Unterstützung werden die Polen kaum bereit sein, die landwirtschaftlich fruchtbarsten Äcker hinter den Deichen nicht mehr zu bestellen.Gerade das Vertrauen über Ländergrenzen hinweg wird aber entscheidend für den vorbeugenden Hochwasserschutz sein.Alle Skeptiker sollten sich an die Zeit nach der Flut erinnern.Mehr als die Hälfte der Spendensumme von 130 Millionen Mark ging nach Polen.Nicht einmal ein Dutzend Spender lehnte den Transfer ihres Geldes von Brandenburg auf die andere Seite des Flusses ab.Am Geld dürfte das Projekt ohnehin nicht scheitern.Denn die möglicherweise nach Polen umgeleiteten Mittel würden nur einen Bruchteil der Kosten eines Deichbruches auf deutscher Seite ausmachen.

Egoismus oder gar überhebliches Kritisieren der Pläne des Nachbarn für eine bessere Schiffbarkeit der Oder sind fehl am Platz.Nur im großen europäischen Maßstab kann die Forderung, den Flüssen mehr Raum zu geben, erfüllt werden.

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