Zeitung Heute : Was erbt Hitlers Familie?

Er hat seinen Nachfahren viel Unglück gebracht. Dann kam einer, der sagte: Euch steht sein Geld zu. Ein Besuch beim Cousin des Führers

Torsten Hampel[Linz]

Die erste Besonderheit an diesem Morgen bestand darin, dass Koppensteinersich die Ziehharmonika umhängte. Sie liegt draußen auf der Veranda. Jeden Tag geht er auf dem Weg zum Stall ohne Blick an ihr vorbei. In der Frühe gleich nach dem Aufstehen, dann mittags, am Abend. Und nun hat er sie doch wieder vom Regal genommen und ein Bauernlied darauf gespielt. "Die Burgenländerin". Auf dem Burgenland, da steht ein Bauernhaus so hübsch und fein. Es ist ein fröhliches Lied. Koppensteinerkann nicht gewusst haben, dass sich gerade noch etwas anderes ereignet hat.



Der Professor steht auf dem Bahnsteig im Wiener Westbahnhof. Er hört nicht mehr gut, er hat eine Operation hinter sich und immer noch Fieber an diesem Morgen, und als er eben die Rolltreppe hinauffuhr aus der Ankunftshalle, dabei den Fahrschein absuchend nach der Sitzplatznummer, hielt er ihn lange verkehrt herum vor die Augen. Der Professor sagt, er wird nicht mehr an der Koppensteiner-Sache arbeiten. Er ist in den Zug gestiegen, er hat sein Abteil gefunden und ist heimgefahren nach Deutschland. Er ist jetzt alt und müde.



Es ging um das dreckigste Geld der Welt. Das Geld von Hitler. Darum, dass Koppensteinerund die anderen doch danach greifen sollten, es wäre so einfach gewesen. Es wäre ein Albtraum mehr gewesen. Der Professor jedenfalls wird nicht mehr dabei helfen, an die Tantiemen aus dem Verkauf von "Mein Kampf" zu kommen.



Der Professor auf seiner Heimfahrt, er hat die Stadt Linz an der Donau passiert, vielleicht hat er die Brille aufgesetzt und aus dem Fenster geschaut. Vielleicht hat er den sonnengelben Kirchturm erkennen können auf der rechten Seite, der den Vorortfriedhof beschattet. Bestimmt hat er sich dann erinnert, daran, dass er dort hinten einmal einen Efeuableger von einem Grab gezupft und dann daheim in Deutschland in die Erde gesetzt hat. Der Efeu daheim am Bungalow gedeiht, er hat längst Wurzeln geschlagen.



Dort, wo der Efeu her ist, liegen Hitlers Eltern begraben. Der Professor ist ein Hitler-Forscher. Und Adolf Koppensteinerist Hitlers Cousin zweiten Grades.



Einer von den 40 Verwandten Hitlers. Sie sollen fast alle in Linz und Umgebung leben, die meisten versteckt, mit neuen Namen, die alten herausradiert aus den Kirchenbüchern und Standesamtsregistern.



Hitlers Cousin hat seine Ziehharmonika wieder weggetan. Er ist von der Veranda in sein flaches, langes, gelbes Haus gegangen. Koppensteinerweint jetzt wieder. In seinem Haus in einer Senke, die ein Bach gegraben hat, in einer Gegend weit im Norden hinter der Stadt Linz, die das Waldviertel heißt. Hitlerland, "Ahnengau". Dort schüttelt es ihn unter einem Himmel aus Blei, weil er doch wieder an den Großcousin denken soll. Es ist Besuch gekommen, der fragt danach. Die Eltern hat man ihm weggenommen, 1945, weil sie Hitlersche waren, da ist Adolf Koppensteinerfünf Jahre alt gewesen. Dann waren sie tot.

Adolf Koppensteinerist nicht auf den Gedanken gekommen, dass er Hitlers Geld hätte haben können. Er erinnert sich, einmal ist er bei der Wahrsagerin gewesen, bei der Kartenaufschlagerin, vor 40 Jahren muss das gewesen sein. Die hat ihm gesagt, wenn du alt bist, ja, dann wirst du viel Geld kriegen, irgendwoher.



Nein, den Gedanken mit dem Erben hatte Koppensteiners Onkel Anton, einer von Hitlers Cousins. Und der alte Professor sollte allen dabei helfen. Professor Werner Maser, 81, half. Er nennt sich auch Hitlers Nachlassverwalter.



Herr Professor, warum haben Sie das gemacht?



Die Erben können nichts dafür, was Hitler getan hat.



Es ist schlechtes Geld.



Sie können nichts dafür.



Koppensteinerist Bauer, das gelbe Haus, das sich duckt in der Senke und in dem es feucht ist innen, war auch das Haus der Eltern, Maria und Ignaz. Die ihn Adolf genannt haben. Die 1942 auf dem Hof - zwei Pferde, vier Kühe, fünf Schweine - einen ukrainischen Zwangsarbeiter hatten, die einmal 600 Mark von Hitler genommen haben und der Mutter daraus drei goldene Zahnkronen machten. Das hat man ihnen vorwerfen können. Und das Eine noch.



Aus Maria Koppensteiners erstem Verhör bei der sowjetischen Militärpolizei:



In welchem Verwandtschaftsgrad stehen Sie zu Adolf Hitler?



Er war mein Vetter. Meine Mutter und seine Mutter waren Schwestern.



1953 starb Maria Koppensteinerin einer Strafanstalt. Sie sei eine "besondere soziale Gefahr" gewesen, deshalb haben die Russen sie dorthin gebracht. In der Anklageschrift steht: "Als Hitlers Verwandte hat KoppensteinerMaria mit ihm in Kontakt gestanden."



Das Gesicht ihres Sohnes ist ganz rot jetzt. Wie seine Augen. Adolf Koppensteinersitzt auf der Küchenbank und sagt kein Wort, er atmet heftig. Das wollene Hemd hat er aufgeknöpft, dickes graues Brusthaar quillt heraus. Die Frau steht gegenüber am Holzofen und drückt Kartoffeln durch die Presse, es wird Knödel geben zum Mittag, und Koppensteinerdenkt daran, wie er das mit der Mutter damals erfahren hat. Wie der Bruder mit dem Motorrad verunglückt ist, hat das Rote Kreuz suchen lassen nach den Eltern, und erst da hat man ihm erzählt, dass sie tot sind. "In Sibirien war das", sagt er dem Besuch. Der Vater ist in einem Moskauer Gefängnis gestorben, Koppensteinerkennt den Unterschied nicht. Und er weiß nicht, wo sie begraben liegen.



Maser begann sich Mitte der 60er Jahre für die Hitler-Verwandten zu interessieren. Er schrieb damals im "Spiegel" über "Mein Kampf", und danach meldete sich einer. Anton Schmidt, Koppensteiners Onkel, ein Bruder der Mutter, fragte Maser, ob er nicht helfen könne zu klären, wer das Urheberrecht für das Buch denn nun wirklich hat. Maser schrieb zurück, die Chancen ständen gut, es für die Familie zu gewinnen, über siebeneinhalb Millionen Mark soll Hitler damit eingenommen haben. Sie solle sich zusammentun, die Hitler-Verwandtschaft, und klagen.



Die Dinge liegen so: Das Urheberrecht hat der Staat. Die Alliierten haben das verfügt nach dem Krieg, und es gibt Gesetze, in denen das steht. Sie seien aber anfechtbar, sagt Maser. Es hat tatsächlich Widersprüche gegeben. So hat Hitlers Schwester Paula im Jahr 1960 trotz der Alliiertenverfügung einen Erbschein bekommen. Vom eingezogenen Nachlass erhielt sie dennoch nichts. Und zwei Jahre darauf bekamen drei Verwandte 1500 Mark vom Münchner Institut für Zeitgeschichte für die Publikation des "Zweiten Buches", eines Schreibmaschinenmanuskripts, das von Hitler als Fortsetzung von "Mein Kampf" angelegt war.



Solche Ungereimtheiten waren es, die Maser so sicher gemacht haben. "Ich habe gesagt, ich mache mit in der Urheberrechtssache, wenn es die Zeit vor 36 betrifft. Das wollten die dann nicht, die wollten alles." Ab 1936 bekamen die deutschen Brautpaare nicht mehr die Bibel zur Hochzeit geschenkt, ab da bekamen sie "Mein Kampf". Ab da war es vor allem Staatsgeld, was auf Hitlers Konten gezahlt wurde.



Im Bayrischen Finanzministerium in München sitzen die wirklichen Nachlassverwalter. Zwei schweigsame Beamte, sie recherchieren Nachdrucken von "Mein Kampf" hinterher oder verbieten sie vorher, wenn sie davon hören, sie erklagen vor Gericht die Herausgabe von Papieren Hitlers und sie stoppen Versteigerungen. Alle paar Wochen bekommen sie Hinweise von Leuten, die auf Reisen frisch gedruckte "Mein Kampf"-Exemplare in Buchläden gesehen haben. Geld zieht das Finanzministerium nicht ein. Nur einmal hat der Freistaat Bayern einen Nutzen aus dem Eigentum Hitlers gehabt. Er bekam das Wohnhaus Hitlers am Münchner Prinzregentenplatz 16. Darin ist heute die Polizei untergebracht.



Koppensteinerwird wenig von den Knödeln essen heute Mittag, denn spätestens halb fünf wird er rauffahren mit der Frau, raus aus seiner Bachspalte, hinauf nach Weitra, in die Kreisstadt. Das macht er sonst nicht unter der Woche, nur sonntags geht er dort immer in die Kirche. Aber an diesem Tag ist im Gasthaus Werbeveranstaltung. Eine Stunde lang werden die beiden zuhören, wie ein paar Produkte gepriesen werden, "Gesund und aktiv - super Neuheiten", steht auf dem Einladungszettel. Wiener Würstchen soll es umsonst geben, einen Gutschein für zwei Kilo Zucker beim Spar-Markt und ein Glas Gebirgsblütenhonig.



Die Koppensteiners haben nicht viel. 800 Euro Pension sind es zusammen. "Wenn wir was kriegen könnten von dem Erbe, wir würden's nehmen", sagt die Frau. "Weil wir nichts haben." Sie ist eine praktische Frau. Sie macht sich andere Gedanken als ihr Mann. Wenn sie über die Tschechen schimpft und dass es besser wäre, die nahe Grenze zu denen wieder zu schließen, dann meint sie die Lastwagen, die jetzt dauernd durchs Waldviertel donnern. Koppensteiners sind keine Nazis. Sie sind Bauern.



Die Erben waren schon einmal kurz vorm Ziel. Dann hatten sie Pech. "Und sie sind ein bisschen dumm." Maser sagt das oft in der kurzen Zeit auf dem Wiener Bahnhof. Es klingt verächtlich. Es ärgert ihn, dass sich die 40 Leute nie einig waren. Er hatte so viel Arbeit mit ihnen.



Warum haben Sie das alles gemacht, Professor? Hätte man nicht hingehen müssen zu den Leuten und ihnen sagen, ja, vielleicht gibt es da juristisch etwas zu machen, das Urheberrecht ist personengebunden, Alliiertengesetze können das nicht einfach so ändern, aber euer Vorfahr war Adolf Hitler und sein Geld wird euch nicht glücklich machen, es wird abfärben auf euch?



Einer, Leo Raubal, der Sohn von Hitlers Halbschwester Angela, ist nicht dumm gewesen. Er hat studiert und arbeitete als Direktor in einem Linzer Stahlwerk. Leo war Hitlers Lieblingsneffe, und er wurde der Sprecher der Verwandtschaft. Maser pendelte jahrelang zwischen Raubals Linzer Wohnung und den Häusern der anderen im Waldviertel, fuhr hinauf zu ihnen aufs Granitplateau, durch die Föhren und Fichten ins Dörfchen Spital, und wieder hinab an die Donau. 25 Jahre ist das her. Raubal und er waren fast fertig mit der Klageschrift gegen den Staat, da starb der 1979 beim Urlaub in Spanien. Seitdem redet Maser mit dessen Sohn Peter. Er soll Ingenieur sein.



Peter Raubal lebt in Linz wie einst der Vater, in einem blassen Mietshaus, die Straßenbahn fährt daran vorbei. Er öffnet nicht die Tür, geht nicht ans Telefon, Post beantwortet er nicht. Maser sagt, gerade sei Raubals Mutter gestorben, und deswegen sei der an nichts mehr interessiert. Der ist auch müde. Es ist vorbei. Und die Zeit sei sowieso so gut wie verstrichen. Man müsste spätestens jetzt endlich anfangen mit der Klage, denn im Jahr 2015, 70 Jahre nach Hitlers Tod, läuft der Urheberschutz aus. Bis dahin könnte man an den Rechten verdienen. Danach wird jeder drucken dürfen, der will.



Adolf Koppensteinerist Hitler nie begegnet. Seit der zum letzten Mal in der Gegend war, im Nachbarort Spital, 1918 im Spätsommer, auf Fronturlaub, da haben ihn alle nicht mehr gesehen, die Tanten, Onkel, Vettern, Basen, Nichten, Neffen. Außer Leo Raubal aus Linz, der soll dem Onkel sogar gelegentlich als Double gedient haben. So steht es in Masers Hitler-Biografie. Es ist die meistverkaufte Hitler-Biografie der Welt.



Spital ist der Ort, in dem Hitlers Vater und die Mutter Jahre Hof an Hof lebten, lange, bevor sie einander heirateten. Spital, hier machte Hitler im Ersten Weltkrieg zwei Heimaturlaube, hierher kam er auch schon 1908 zur Sommerfrische, da hat ihn Maria Koppensteinerzuletzt gesehen, und drei Jahre zuvor war er zum ersten Mal hier. Es gibt eine Stelle in "Mein Kampf", da geht es um diese Zeit: "Es waren die glücklichsten Tage, die mir nahezu als ein schöner Traum erschienen." Damals heilte er eine Krankheit aus, nachdem er deshalb die verhasste Realschule hat verlassen müssen, hat Maser geschrieben. Bei einem anderen großen Hitler-Biografen, Joachim Fest, steht: Es gebe keinen Beleg für die Krankheit, Hitler sei wegen schlechter Leistungen von der Schule gegangen.



Man kann sich nicht sicher sein, wo es keine Dokumente gibt und nur noch Nachkommen und Nachbarn da sind, die man fragen kann. Ian Kershaw, der Mann, der die letzte große Hitler-Biografie geschrieben hat, sagt: "I don’t need such cute stories", er brauche die hübschen Familiengeschichten dieser Leute für seine Arbeit nicht.



Sie alle grenzen sich ab von Maser, dem Stöberer, der alles an sich bringt, was mit Hitler zu tun hat, alles was er bekommen kann und darf, der im Keller seines Bungalows ein Archiv haben soll, voll mit Ordnern, jeder von ihnen dokumentiert eine Lebenswoche Hitlers oder sogar einzelne Tage. So einer, ein Sammler, ein Allesdokumentierer, interessiert sich auch für den Efeu auf dem Grab der Hitler-Eltern.



Adolf Koppensteinerwar auch mal glücklich in Spital, genau wie sein Großcousin. Hier hat er seine Frau kennen gelernt. Im Mai 1959 war das, beim Tanz im Gasthaus, wo schon Johann Nepomuk Hüttler Schankwirt gewesen sein soll, Hitlers Großvater. Es gab etwas zu kaufen dort, Umhängeherzen zum Aufessen, "such dir was aus", soll Koppensteinerdamals zu ihr gesagt haben, sagt die Frau. Und: "Aber ich hab halt nicht viel Geld" gleich hinterher. "Weil er mir derbarmt hat", sagt die Frau, hat sie sich entschieden für ihn. Hochzeit war im August.



Koppensteinersteht jetzt auf von der Küchenbank und geht raus, um nach den Kühen zu schauen. Der Besuch hat endlich abgelassen von dem Thema, sie haben zuletzt über das Hochwasser vom letzten Jahr geredet, als der Bach plötzlich im Haus stand. Die Kühe machen schon eine Zeit lang Lärm. Und dann vergehen ein paar Minuten und sie sind still, stattdessen schnauft die Ziehharmonika zum zweiten Mal an diesem Tag herein in die Küche. Draußen, auf der Veranda, steht Koppensteiner, den rechten Fuß auf der Bank, das alte garstige Instrument auf dem Knie. "Auf dem Burgenland, da steht ein Bauernhaus so hübsch und fein". Er lächelt.



Vielleicht das noch: Gasthof Weitra, fünf Uhr nachmittags, die Verkaufsveranstaltung. Koppensteinerhat sich einen Pullover übergezogen, seine Frau hatte beim Hereinkommen ein Kopftuch auf. Als erstes wird angepriesen, noch vor der biomagnetischen Bettwäsche und der Wünschelrute zum Erdstrahlenkreuzfinden: eine Antidepressionslampe. "Eine künstliche Sonne", sagt die Verkaufsfrau, die wird ihnen die Trübsal vertreiben und die Depressionen und die Traurigkeit, "vor allem an so grauen Tagen wie heute". Gekauft hat sie keiner der Gäste.

Kann man glücklich werden, wenn man an Hitler-Geld kommt? Bayern nimmt es nicht. Und Koppensteinerahnt nun, dass er nichts mehr davon bekommen wird. Zwei Mal Ziehharmonika und die künstliche Sonne ausgeschlagen, es ist ein guter Tag gewesen für Koppensteiner. Der Besucher von der Zeitung hat ihn fast darum gebracht.



Kann man glücklich werden, wenn man Hitlers Verwandter ist? Es gibt welche aus der Vaterlinie, sie heißen Hitler, die letzten, die so heißen. Drei Enkel des Halbbruders Alois. Die haben sich geschworen, nie Kinder zu bekommen. Der Name soll aussterben. Auch sie leben versteckt. Auf einer Insel, Long Island, bei New York.



Koppensteiners Enkelin ist gekommen. Der Opa hat ihr einmal eine Ziehharmonika geschenkt, eine bessere als die von der Veranda. Die Enkelin sagt, sie mag die Übungsstunden nicht. Aber sie übt jeden Tag.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben