Zeitung Heute : Was für ein Schlag

Der Drahtzieher des Attentats vom 11. September ist gefasst. Pakistan hat Osama bin Ladens Spitzenterroristen schon an die USA ausgeliefert. Aber für Entwarnung gibt es keinen Grund. Die Terrorgruppen sind dezentral organisiert und schwer zu treffen. Und alle eint der Hass auf den Westen.

Frank Jansen

Die Erleichterung hält sich in Grenzen. „Es ist zweifellos ein Erfolg der Amerikaner, dass sie Khalid Scheich Mohammed in die Hände bekommen haben“, sagt ein deutscher Sicherheitsexperte, „aber das bedeutet weniger eine Schwächung der islamistischen Terrorgruppen, sondern eher noch mehr Wut.“ Der Bundesnachrichtendienst hat in den vergangenen Wochen ähnlich skeptisch argumentiert. Es sei falsch, sich nur auf Osama bin Laden und die anderen Köpfe zu konzentrieren, sagte BND-Abteilungsleiter Hans Beth schon bei Vorträgen im vergangenen Jahr. Al Qaida und das Terrornetz um die Organisation herum funktionieren dezentral. Und angesichts des drohenden Krieges gegen den Irak nimmt in den Sicherheitsbehörden die Sorge noch zu, dass der Hydra erst recht für die abgeschlagenenen Köpfe weitere nachwachsen. Ein Experte sagt, was auch viele andere denken: „Al Qaida wartet nur darauf, dass die Amerikaner Saddam Hussein angreifen. Dann werden noch mehr junge Muslime die Anschläge gegen den Westen bejubeln als jetzt schon. Und die Terroristen erhalten Zulauf wie selten zuvor.“

Was macht die Stärke von Al Qaida aus? Die Antworten sind vielschichtig. Ein Blick auf die bisherigen Festnahmen höherer und mittlerer Al-Qaida-Kader zeigt, dass nur ein Teil der Personalstruktur zerschlagen ist. Osama bin Laden und sein Stellvertreter Aiman al Zawahiri halten sich vermutlich im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet auf. Dort werden sie von Paschtunen geschützt. Entlang der Grenze gibt es Stammesgebiete, die das pakistanische Militärregime nicht beherrscht – und die noch junge afghanische Regierung von Hamid Karzai schon gar nicht.

Pakistans Staatschef, General Musharraf, weigert sich auch, den Amerikanern Spezialoperationen im Stammesgebiet an der Grenze zu gestatten. Täte er es doch, müsste Musharraf einen Aufstand der Paschtunen befürchten. Und einen Putsch. Im pakistanischen Geheimdienst ISI, der vor dem 11. September Taliban und Al Qaida massiv unterstützte, gebe es trotz einer Säuberung weiterhin „islamistische Parallelstrukturen“, sagt ein deutscher Sicherheitsexperte.

Die Festnahmen von drei Drahtziehern des 11. September spielten sich in pakistanischen Großstädten ab, weit weg von den Stammesgebieten. Khalid Scheich Mohammed wurde in Rawalpindi gestellt, ein weiterer „top lieutenant“, der Palästinenser Abu Subaidah, in der ostpakistanischen Industriestadt Faisalabad. Ramzi Binalshibh, in Hamburg an der Planung der Anschläge des 11. September beteiligt, nahmen die Pakistanis mit US-Hilfe in der Hafenstadt Karatschi fest.

Den Verlust an Personal kann Al Qaida nach Ansicht von Sicherheitsexperten durch die „Erfolge“ seiner Strategie des „Terror-Franchising“ mehr als ausgleichen. „Franchising“ bedeutet: Weltweit erhalten islamistische Gruppen von Al Qaida finanzielle und andere Hilfe für Anschläge. Diese werden dann von der örtlichen Terrortruppe in eigener Regie verübt, aber im Namen des von Osama bin Laden verkündeten Heiligen Krieges „gegen Juden und Kreuzritter“. Zwei Beispiele: Das Attentat auf der Ferieninsel Bali im vergangenen Oktober ist vermutlich das Werk der mit Al Qaida verbündeten indonesischen Organisation „Jemaah Islamiah“. Einer der Attentäter hat gestanden, er habe vom Jemaah-Anführer Riduan Isamuddin umgerechnet 23 000 Euro erhalten. Isamuddin gilt auch als Verbindungsmann der Al Qaida für Südostasien. Möglicherweise war auch Khalid Scheich Mohammed an der Planung beteiligt. Den Doppelanschlag auf ein israelisches Hotel und ein Flugzeug in Kenia Ende November hat offenbar Al Qaida mit der somalischen Gruppe „Al Ittihad Al Islami“ verübt.

Wie viele Organisationen mit Al Qaida kooperieren, kann kein Experte sagen. Genannt werden Vereinigungen in Pakistan, auf den Philippinen, in Algerien, Tschetschenien, im Jemen und zahllosen anderen Staaten, auch in Deutschland. „Diese Gruppen sind durchdrungen vom Hass“, sagt ein Fachmann. „Die machen auch weiter, wenn es den Amerikanern gelingt, Al Qaida zu zerschlagen.“

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