Zeitung Heute : Was für ein Vergnügen

Niveaulos, sagen die einen – amüsant, die anderen: Millionen beobachten im Fernsehen, wie sich Prominente peinlichen Mutproben stellen. Woher das Interesse an Unglück und Qual? Allen Warnungen zum Trotz werden die Grenzen des Zumutbaren immer weiter gesteckt.

Joachim Huber,Peter Siebenmorgen

DSCHUNGEL-TV – WIE VERÄNDERT FERNSEHEN DIE GESELLSCHAFT?

Von Joachim Huber und

Peter Siebenmorgen

Besonders amüsant scheint es im australischen Busch nicht zuzugehen. Die Darsteller der RTL-Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ haben es mit allerlei Ekligem zu tun und mancherlei eigene Grenze zu überwinden. Aber warum dient die Grenzüberschreitung dennoch der Unterhaltung von mehr als sieben Millionen Zuschauern? Und, interessiert das eigentlich irgendjemanden? Ist es nicht schlicht dekadent, sich ohne Not in Nöte zu bringen und ebenso unangemessen, zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und sich am Ekel der Stars zu ergötzen, oder angeekelt umzuschalten? Interesse ist begründet – in der Vergangenheit, und für die Zukunft: Voyeurismus hat Tradition und außerdem bleibt zu beobachten, was die heutige Freude am Übel anderer – solange das zum Spiel gehört – für die Zukunft der Gesellschaft bedeuten könnte.

Von Spielen wusste schon der Schriftsteller Juvenal zu berichten. Panem et circenses, um Brot und Spiele ging es im antiken Rom. Eine weit ausdifferenzierte Vergnügungsindustrie gab es also lange vor Erfindung des Fernsehens privater Rundfunkanstalten.

Tatsächlich erwarteten die Menschen des römischen Reichs von ihrem Staate vor allem zweierlei: Getreide, damit sie sich ernähren konnten und zerstreuende Unterhaltung in Form von Zirkus-Spielen. Die Kämpfe der Gladiatoren bis aufs Letzte, die Haltung von Spiel-Sklaven, der Kampf um Leben und Tod zwischen Mensch und Tier waren die Auswüchse des Prinzips, die „Brot und Spiele“ alsbald in Verruf brachten. „Spiele, damit du ernst sein kannst“, hatte Anacharsis im 5. Jahrhundert gesagt, aber damit hatten die Gemetzel des römischen Zirkustreibens nichts mehr zu tun: Die Rechtfertigung des Vergnügens mit der Bereitschaft für höhere Zwecke hatte ihren Sinn verloren; das Spiel verkam allmählich zu einem rohen Spektakel, das eher an die niedrigsten Instinkte der Betrachter appellierte.

Im Verlauf der Menschheitsgeschichte fanden sich immer wieder neue Formen des alten Prinzips. Aus der Neuzeit sind es die Perversionen der Französischen Revolution. Die Hinrichtungen einiger Funktionseliten des ancien regime wuchsen sich zu einem wahllosen Abschlachten aus. Den Zwecken der Revolution diente dies nicht mehr: Die öffentlichen Hinrichtungen wurden zum Spektakel, dem eine wachsende Schar von Schaulustigen begierig beizuwohnen drängte. Harmloser, und doch dem gleichen Muster folgend, waren die Darbietungen auf Jahrmärkten oder in den Panoptiken des fin de siecle: Die Neugier auf Kurioses pervertierte zur Vergnügungssucht auf Kosten der Menschlichkeit.

Und an welchem Punkt ist der Voyeurismus heute – im Fernsehzeitalter – angekommen? „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ ist vielleicht eine schlimme TV-Verirrung. Aber es kommt noch schlimmer. „Das mit dem Gemütlichkeits-Fernsehen ist vorbei. Es wird härter, ohne Zweifel“, sagt Borris Brandt. Er ist Geschäftsführer von Endemol Deutschland, der deutschen Tochter des weltweit führenden Unternehmens für die Entwicklung von TV-Formaten („Big Brother“). Brandt sagt, Fernsehen reagiere immer auf gesellschaftliche Zustände: „TV spiegelt, wie es in der Welt aussieht.“ In unsicheren Zeiten suche der Zuschauer nach Sicherheit, nach Geborgenheit. Diese Phase nähert sich für Brandt dem Ende, von den Rändern eines Programmtages her setzt die Veränderung ein: „Auch in der Primetime kommt in allernächster Zeit das neue Fernsehen.“ Es geht weiter darum, Tabus zu brechen. Die neuen Reality-Formate werden Grenzen brechen und menschliches Elend zur Schau stellen, also das, worüber in den Nachmittags-Talks nur gesprochen wird. Ein Beispiel: Drei Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben, kämpfen um die Erfüllung eines letzten, sehr teuren Wunsches. Grenzen sieht Brandt beim Tod, „der ist nichts fürs Entertainment“. Was auf jeden Fall ansteht, ist die Urbarmachung menschlicher Untugenden fürs Fernsehen, als da sind Gier, Neid, Lüge, Wollust. Im Privatsender Kabel 1 steht das „Judas-Game“ vor der Premiere: Hier geht es um Vertrauen, Lüge und Verrat. Oder der „Fear-Factor“ bei RTL, bei dem sechs junge Menschen Stunts bestehen müssen.

Gefährlich für die Jugend?

Brandt sagt, dass beim „Untugend-TV“ das des junge Publikum gefährdet sein kann: „Noch nicht gefestigte Menschen könnten den Schluss daraus ziehen: Gier, Neid und Lüge lohnen sich.“ Nicht alle werden verstehen und verstehen wollen, dass es beim Reality-TV im Kern um eine Verabredung zwischen Sender und Seher geht – alles ein Spiel, alles unernst, nichts davon eine Handlungsanweisung fürs eigene Dasein. Eben wie im Krimi, der vorführt: Verbrechen lohnt sich nicht. Der Fernsehmanager erwartet Diskussionen darüber, was wie im Medium erlaubt sein wird. Klar ist: Wenn die Dschungelshow erfolgreich ist und ohne größere Beanstandung durchgeht, sind die Grenzen des Zeigbaren neu gesetzt. Dann kommt der nächste Versuch, eine Verschiebung zu erreichen.

Fernsehautor Wolfgang Menge ist von diesen Entwicklungen keineswegs überrascht. Er sieht sein „Millionenspiel“, erstmals 1970 im ARD-Fernsehen, längst nicht mehr als Vision an. Millionen sahen damals zu, wie Millionen Menschen im Fernsehen die Jagd auf Bernd Lotz verfolgen, der als Kandidat einer Show sieben Tage lang von einer bezahlten Killerbande verfolgt wird. Nur im Überlebensfalle bekommt Lotz am Ende vom Privatsender TETV eine Million Mark. 1970 eine TV-Fiktion, und morgen? Menge sagt: „Da bin ich ziemlich sicher, dass das kommen wird. Wir hatten ja damals schon genug Kandidaten für beide Positionen, für die Killer und den zu Killenden, und wir hatten Quote.“ Die Leute hätten das Fernsehspiel für bare Münzen genommen und sich für die Fortsetzung des Todesspiels vormerken lassen. Warum die Dschungelshow und dergleichen funktioniert? „Es geht den Leuten zu gut, gerade die Jungen müssen sich austoben. Wir Älteren, die wir Krieg und Not kennengelernt haben, sind geschützt“, sagt der bald 80-jährige Fernsehautor. Fotos: imago, RTL, RTL2/gms.

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