Zeitung Heute : Was gegen Rau spricht

GERD APPENZELLER

Ab morgen ist vieles anders.Wenn Johannes Rau nach 21 Jahren sein Amt als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens niederlegt, geht damit nicht nur für das bevölkerungsreichste Bundesland eine Ära zu Ende.Auch für die alte Bundesrepublik ist dann ein nicht zuletzt in den handelnden Personen manifest gewordener Abschnitt der Geschichte vorbei.Mit der Wiedervereinigung hat eine neue Phase der deutschen Historie begonnen.Johannes Rau verkörpert wie kaum ein anderer der heute noch aktiven Politiker und mehr als jeder andere Ministerpräsident die politische Entwicklung Westdeutschlands.Bei allen seinen Verdiensten ist er damit aber eben auch Symbol einer in sich geschlossenen Phase.Die bietet für das Neue sicheren Grund.Aber nicht nur wegen der Ästhetik sieht ein Haus anders aus als das Fundament, auf dem es steht.Der Wirkungskreis von Johannes Rau in der Politik sollte sich mit dem morgigen Mittwoch geschlossen haben.

Er selbst sieht das freilich anders und würde sich gerne ein zweites Mal, nach 1994, um das Amt der Staatsoberhauptes bewerben.Das tat er mit einer Deutlichkeit kund, die bei einem Mann, der die politischen Usancen kennt, erstaunt.Seine Partei hat ihm, in der Person des Vorsitzenden Oskar Lafontaine, am Wochenende die Befähigung dazu ausdrücklich attestiert - was hätte sie auch anderes tun können? - gleichzeitig aber die Frage der Kandidatur bewußt offen gelassen.Erst nach der Bundestagswahl wisse man, wie sich am 23.Mai 1999 das Wahlgremium, die Bundesversammlung, zusammensetzen werde.Das ist richtig, aber die Zeitversetzung der Entscheidung trägt sibyllinische Züge.Will die SPD Rau nur dann nominieren, wenn er mit einer sicheren Mehrheit rechnen kann - oder gerade dann nicht? Denn daß man, wie schon einmal vor 30 Jahren, mit einem sozial-liberalen Pakt in der Bundesversammlung das Zeichen für einen Machtwechsel im Kanzleramt setzen könnte, verbietet zwingend der vorgegebene zeitliche Ablauf.Der Bundestag ist schon acht Monate gewählt, wenn Roman Herzogs Nachfolger gekürt wird.

Vielleicht plagen die Sozialdemokraten aber selbst Zweifel, ob Rau der geeignete Kandidat wäre.Dabei spielt eine Rolle, daß er vehement ein Verbleiben der Verfassungsorgane in Bonn gefordert hatte.Aus seinem auch stark regionalpolitisch geprägten, an der alten Bundesrepublik orientierten Weltbild heraus wäre anderes kaum denkbar gewesen - und dann liegt Bonn nun auch einmal in Nordrhein-Westfalen.Aber eine Empfehlung für die Wählerinnen und Wähler im Osten der Republik, wo sich die SPD im Aufwind gerne weiter davontragen ließe, ist das wahrhaftig nicht.

Auch die Überlegung, ob zehn Jahre nach dem Fall der Mauer nicht endlich ein ehemaliger DDR-Bürger in ein hohes Staatsamt gelangen sollte, hat viel mehr als Feigenblattcharakter.Sie wäre ein Ausweis des festen Willens, möglichst viele und verschiedene Lebenserfahrungen in die Führung des Staates einzubinden.Ein prominenter sozialdemokratischer Anwärter, der Theologe Richard Schröder, scheiterte 1994 im Vorfeld vor allem daran, daß es Christdemokraten waren, die ihn ins Gespräch brachten.Und dann ist da noch die Frauenfrage.Die Bundesrepublik hat eine Parlamentspräsidentin und eine Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes.Ein weibliches Staatsoberhaupt gab es noch nicht.

All das spricht gegen Johannes Rau, und vermutlich wird ihn dennoch nichts davon überzeugen.Einer ganz anderen Einsicht kann er sich aber kaum verschließen, wahrscheinlich spürt er es selbst längst: Die vielen Belastungen des Amtes haben ihn erkennbar sehr müde gemacht.Die Aufgabe im Schloß Bellevue aber fordert eines Menschen ganze Kraft - wahrscheinlich mehr Kraft, als Johannes Rau noch hat.

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