Zeitung Heute : Was Geld auslösen kann

Paul Kreiner[Rom]

Für die Freilassung der entführten Italienerinnen im Irak soll ein Lösegeld gezahlt worden sein. Wenn das stimmt, was wäre das für ein Signal an Geiselnehmer?

Simona Torretta und Simona Pari sindfrei. Frei sind nach drei Wochen Entführung auch ihre irakischen Mitarbeiter Raid Ali Abdul Asis und Mahnas Bassan. Und in Bagdad schreiben alle Zeitungen über ein Lösegeld von einer Million Dollar. Das Geld sei in zwei Raten gezahlt worden, berichten auch italienische Blätter. Dagegen sagt Italiens Außenminister Franco Frattini, es sei „absolut kein Geld“ geflossen. Und Maurizio Scelli vom Roten Kreuz, dem die Geiseln in Bagdad übergeben wurden, reagiert brüsk: Das Gerede von einem Lösegeld wolle er „nicht mehr hören“.

Schon im Juni soll Rom für die Freilassung dreier italienischer Bodyguards gezahlt haben, dementiert das aber nach Kräften. Denn noch befinden sich im Irak an die 30 Ausländer in der Gewalt von Entführern, die mit ihnen – siehe die beiden französischen Journalisten oder Kenneth Bigley aus Großbritannien – Katz und Maus spielen. Da ist Vorsicht geboten. Entführer könnten sich durch das italienische Beispiel, wenn es denn ein Lösegeld gegeben hat, zu Millionenforderungen ermutigt fühlen. Terroristen könnten, wie sie es jetzt schon mit zahlreichen irakischen Kindern tun, die Verschleppung von „reichen“ Ausländern als billige und verlässliche Geldquelle zur Finanzierung ihrer Widerstandstätigkeit nutzen. Schon deshalb gehört es nach den meisten „politischen“ Verschleppungen in aller Welt zum Ritual, dass Regierungen die Zahlung von Lösegeld kategorisch abstreiten. So tun es – zahlreichen Indizien und Insider-Aussagen zuwider – bis heute auch die deutsche und die österreichische Regierung im Fall der 32 Saharatouristen, die im Jahr 2003 entführt und später freigelassen wurden. Der Westen will sich nicht erpressbar machen. Als warnendes Beispiel wird in Italien immer wieder auf die Philippinen verwiesen, die „schon aufgrund einer einzigen Entführung“ ihr kleines Kontingent aus dem Irak abgezogen haben. Zu allen Verhandlungen gehört eine gewisse Flexibilität. Rocco Buttiglione, Professor für politische Ethik und Italiens bisheriger Europaminister, hat das im April beispielhaft formuliert – das ist deswegen interessant, weil Buttiglione als EU-Kommissar künftig auch die europäische Linie stärker beeinflussen wird. Er sagte: Sollten Geiselnehmer nicht in blanker terroristischer Absicht handeln, sondern nur eine Art politischer Demonstration beabsichtigen, „dann können wir ihnen einige Dinge anbieten: Waffen zwar nicht, aber Lebensmittel, Medikamente, sicherlich auch Geld. Und wenn sie davon Waffen kaufen, ist das ihre Sache.“ Später „präzisierte“ Buttiglione, man müsse schon wissen, wofür ein Lösegeld verwendet werden solle. Aber dass es zwischen Politik und Entführern im Zweifelsfall so etwas wie eine gemeinsame Sprachregelung gibt, darauf deuten auch die Aussagen von Amari Saifi hin, dem Anführer der Sahara-Geiselnehmer, der vor wenigen Wochen in Tschad festgenommen wurde. Er sagte, von den angeblich vier Millionen Euro Lösegeld aus Berlin sei „das meiste für den Kauf von Lebensmitteln für unsere Brüder in Algerien verwendet“ worden.

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