Zeitung Heute : Was gut ist, setzt sich ab

MICHAEL PILZ

Bis zur Rente: Die Puhdys, Kultband des Ostens, in der ArenaVON MICHAEL PILZIhr ambulanter Fanshop bietet Platten an, die "Keine Ahnung" heißen.Und Hemden mit Aufschriften wie "Frei wie die Geier".Derlei erfordert Deutungsarbeit."In vielen Puhdys-Titeln werden auf lebenswichtige Fragen vorwärtsweisende Antworten gegeben", heißt es im Buch "Rock", das 1983 in der DDR erschien.Auch der aktuelle Titel zum T-Shirt später von der Bühne - als bündige Parole zum Zeitgeist Ost: "Leck mich am Arsch", singt Dieter Birr.Der freundliche Riese preßt seine Stimme zu einem scharfen Knurren und seine Augen zu schmalen Schlitzen: "So bitter und so süß ist die Rache der Verlierer / So bitter und so süß der Spott der stolzen Sieger". Tatsächlich, im Westen werden die Puhdys heute als Nostalgiker geschmäht.Zu Zeiten des Kalten Krieges lösten sie dagegen Jubel in der vollen Waldbühne aus.Nun ist die Arena, dieses alte Busdepot im Grenzgebiet zwischen Treptow und Kreuzberg, immerhin zur Hälfte gefüllt.Unentwegt weht eine DDR-Fahne zwischen Schals ostseparatistischer Eishockeyfreunde.Schon der West-Publizist Olaf Leitner hatte vor Jahren erkannt, die Puhdys seien das Synonym für DDR-Rock schlechthin. Zunächst ehrt Dieter Birr, der Mann, den sie "Maschine" nennen, die Gewinner eines Talentwettbewerbs.Als Werbeträger einer Brauerei hatten die Puhdys dazu aufgerufen.Birr lobt die Ruffians aus Potsdam und Delicate aus Berlin.Jede Gruppe darf sich mit einem Playback für die Aussicht auf ein Konzert mit den Puhdys bedanken.Danach werden die überwiegend reiferen Besucher vom fröhlichen Rocktheater Rumpelstil unterhalten.Es ist ein sehr höfliches Publikum, das derweil geduldig das Bier des Sponsors zischt.1500 Karten hat die Brauerei verschenkt für dieses Weihnachtskonzert.Über der Bühne steht die sattsam bekannte Schultheiss-Losung: "Was gut ist, setzt sich durch".Seit 28 Jahren sind die Puhdys im Osten Marktführer.Cross-Marketing nennen es die Werbefachleute, wenn Produkte einander preisen. Das Produkt Puhdys: fünf Personen, eine beachtliche Lichtschau sowie ein perfider Geier im Bühnenbild."Jegliches hat seine Zeit", hatte Ulrich Plenzdorf den Puhdys gedichtet.Und ein Filmmusiker hatte ihnen für dessen "Legende von Paul und Paula" ein Stück geschrieben, das zeitgemäß nach den Bee Gees klang."Maschine" hängt sich dazu die akustische Gitarre über.Dann singt er "Lebenszeit" und "Alt wie ein Baum" und "Was uns bleibt, sind Freunde im Leben".Der Zuspruch ist maßlos.Die alten Lieder handeln vorwiegend vom Alter, und sie wirken als kollektive Versicherung einer gemeinsamen Vergangenheit, unrühmliche Kapitel inklusive.Etwa jenes, daß die Puhdys den Nationalpreis trugen und weitaus mehr Platten aufnehmen durften als eigenwilligere Musikanten.Daß sie sogar in London ein Album produzieren konnten.Daß sie sich zwar volkstümlich gaben, hingegen mit breiten Westautos durch Köpenick pflügten.Daß ihrem Keyboarder Peter Meyer nachgesagt wurde, gelegentlich die Stasi unterrichtet zu haben.Typische Makel von DDR-Lebensläufen: Das eint.Nun freut man sich gemeinsam, daß die Puhdys sich im westlich beherrschten Konzertbetrieb behaupten.Redlich spielen sie sich durch ihr Repertoire.Ein Symbol ungebrochener Beständigkeit. Nur Harry fehlt - Harry Jeske, Bassist und Blickfang der Band seit 1969.Seine Anschrift war die Puhdys-Autogrammadresse, er hat die Geschäfte geführt; nun soll er unterwegs sein in einen Ruhestand im fernen Osten.An seiner Stelle wummert jetzt ein Musiker, der früher bei Datzu, einer Gruppe, von denen der Hit "Ich denk an dich" überliefert ist.Doch die Puhdys verlieren kein Wort über den irritierenden Wechsel.Sie singen und singen. "Bis ans Ende der Welt", wo sie ihren Gitarristen Dieter "Quaster" Hertrampf in einen Lichtdom stellen.Ihrem Sänger blasen sie den Bühnenqualm um die Lederhosen als Vorspiel zum Höhepunkt: ein Potpourri aus Nostalgiehymnen."Geh zu ihr und laß deinen Drachen steigen": ziemlich verschämt ist diese Ermunterung zum Sex getextet und schlägt hier gleich ein, vor kichernden Damen und vor begeistert mitsingenden Männern."Heyhey, deinen Drachen!" Die Puhdys gedenken ihrer ersten Versuche, Deep Purple und Uriah Heep einzudeutschen.Zeigen beim Gitarrensolo, was sie einmal gelernt haben auf der Musikschule Friedrichshain.Dann lodert die Pyrotechnik zum großen Finale.Die Puhdys verkünden an der Rampe ihren großen Entschluß.Verwegen im Versmaß, flott in der Musik und beharrlich in der Konsequenz: "Es ist keine Ente / Wir rocken bis zur Rocker-Rente." Tja, jegliches hat seine Zeit, sogar die Puhdys.

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